18/2018 Der Verkehr im Berg kommt an seine Grenzen

Der Verkehr im Berg kommt an seine Grenzen

Eine gesamtheitliche Lösung statt eines Flickenteppichs: Auf Einladung des Quartiervereins Zollikerberg sprach Gemeinderat Martin Hirs deutliche Worte. Weiterverfolgt werden soll, was schon vor etlichen Jahren angedacht war: die Unter­tunnelung der Forchbahn.

 Er fand nicht nur klare Worte, sondern machte auch klar, dass auch er hin und wieder genug hat. Der Hoch- und Tiefbauvorsteher Martin Hirs trägt verschiedene Hüte. Seit vier Jahren steht er der Zolliker Bauabteilung vor, er ist im Verwaltungsrat der Forchbahn sowie im Vorstand der Zürcher Planungsgruppe Pfannenstil ZPP, die sich mit der Richt- und Rau mplanung befasst. Der Verkehr ist auch hier Martins Hirs’ Spezialgebiet. Kein anderer Strassenkorridor habe ihn in den letzten vier Jahren in all seinen Funktionen so sehr beschäftigt wie die Forchstrasse. «Und je mehr ich mich damit beschäftige, desto deutlicher komme ich zum Schluss, dass die vielen Ansprüche, welche an diesen Strassenkorridor gestellt werden, auf dem uns zur Verfügung gestellten Platz gar nicht möglich sind», überall bestünden Interessenskonflikte. Eingeladen wurde der Gemeinderat vom Quartierverein Zollikerberg, den die Forchstrasse auch immer wieder beschäftigt. Aktuell sind es die Bahnschranken, gegen die Einsprache erhoben wurden, auch wehrt sich der Verein, wie Präsident Fritz Wolf ausführte, weiterhin dagegen, dass der Billetverkauf fürs nationale Bahnnetz Ende Jahr eingestellt werden soll.

Komplexe Interessenskonflikte

Gemeinderat Martin Hirs machte in seiner Präsentation klar, wie vielfältig und komplex diese Interessenskonflikte sind. Bei allem, was die Forchstrasse betreffe – seien es Lärmschutzwände, die gefordert werden, Unterführungen, die saniert werden sollen oder Bahnschranken, die montiert werden müssen – überall gelte es erst einmal zu ordnen, wer die Entscheidungsträger und wer die Eigentümer sind, welche Gesetze tangiert werden und wer schlussendlich dafür zuständig ist und die Massnahmen auch zu berappen hat. Bei den Gesetzen scheint es klar, was diese definieren: Das Strassengesetz die Funktion der Strasse, das Behindertengesetz wiederum besagt, bis wann für alle ein barrierefreier Zugang geschaffen werden muss, die Grenzwerte der Lärmemissionen werden vom Lärmschutzgesetz festgelegt und die Bahnschranken wiederum von der Eisenbahnverordnung verlangt. In Betracht zu ziehen gelte es aber auch den Richtplan, wobei besonders der kantonale und der regionale von Bedeutung sind. Denn auch dieser gibt bezüglich Verkehr Vorgaben wie den Modalsplit, bei dem das Verkehrswachstum durch den öffentlichen Verkehr sowie den Fuss- und Veloverkehr abgefangen werden soll. Auch die Umgestaltung des Strassenraums oder die Umfahrung sind Punkte, die darin geregelt werden. Und nicht zuletzt kommen die Eigentumsverhältnisse hinzu, die bei der Forchstrasse ganz unterschiedlich ausfallen, sowohl der Kanton, die Forchbahn als auch die Gemeinde oder Private als Grundeigentümer können betroffen sein.

Meist befahrene Strasse

Die Zusammenhänge zwischendiesen drei Gruppen – Gesetze, Richtplanung und Eigentumsverhältnisse – müsse man stets vor Augen haben, wenn über die Forchstrasse und damit auch über die Forchbahn diskutiert werde. Und zu Anlass gibt die Verkehrssituation im Zollikerberg immer wieder. Täglich fahren über 20 500 Autos beim Knotenpunkt Waldburg vorbei, so viel Verkehr gibt es gemäss Martin Hirs im Kanton Zürich fast nirgends. Durchs Aathal, auf der meistbefahrenen Kantonsstrasse, wo die Oberlandautobahn geplant ist, fahren im Vergleich täglich 28 000 Fahrzeuge. Und die erst kürzlich publizierte Gesamtverkehrsstrategie des Kantons Zürich hält fest, dass es bei der Forchbahn einen grösseren Kapazitätsengpass als bei der S-Bahn entlang des Sees gibt. «Die Forchbahn transportiert auch mehr Personen, als jede S-Bahn im Kanton Bern», sagte der Gemeinderat. Erst kürzlich habe er dies wieder festhalten müssen bei Gesprächen mit den Berner Vertretern vom Bundesamt für Verkehr, als es um die Bahnschranken ging. Aktuell bemühe sich die Gemeinde nämlich darum, in den Perimeter für das 4. Agglomerationsprogramm des Bundes aufgenommen zu werden. Bis anhin sei der Zollikerberg darin noch nicht vertreten, der Kanton habe den Verkehr im Zollikerberg bisher immer als nicht wichtig genug betrachtet, um ihn in sein Agglomerationsprogramm aufzunehmen. Dies soll sich nun gemäss Martin Hirs endlich ändern. «Wird Zollikerberg ins Agglomerationsprogramm aufgenommen, könnten Bundesgelder fliessen, die für neuere, verbesserte Verkehrskonzepte verwendet werden könnten», erklärte er.

Überall Flickwerke

Und wie dringend diese Gelder benötigt werden, führte der Bau­vorsteher anhand eines virtuellen Spaziergangs aus, den er von der Stadtgrenze bis zur Grenze Zumikon vornahm. Anhand von Bildern zeigte er auf, wo es überall «Löcher zu stopfen» gäbe. Gleich bei der Stadtgrenze sei die Gemeinde im Gespräch mit der Stadt, wie die Pförtneranlage bei der Verstopfung des Zeltwegs besser gelenkt werden könne, damit der Durchgangsverkehr Richtung Zürich nicht übermässig auf die Berg- und Schlossbergstrasse ausweicht. Nur wenige Meter weiter wehrt sich die Gemeinde gegen die Demontage der Kandelaber. Der Kanton möchte diese demontieren, weil er kantonsweit alle Kandelaber ausserhalb der Bauzone nicht mehr wolle. Erst recht herausfordernd werde die Situation bei den Haltestellen, die alle behindertengerecht umgebaut werden müssten, gleichzeitig der Richtplan aber auch eine Veloschnell­route in Planung hat, es so auch zu Enteignungen der Grundeigentümer entlang der Forchstrasse kommen könnte.

«Ein reiner Flickenteppich», sagte Martin Hirs und jede Sanierung einer Unterführung koste Millionen. Der Gemeinderat machte sich dafür stark, dass forciert werden müsse, was bereits vor Jahren angedacht worden sei und wofür auch schon erste Machbarkeitsstudien vorliegen: die Tieferlegung der Forchbahn. Er sei sich bewusst, dass dieses Projekt Zeit brauche und viel Geld kosten würde, «doch irgendwann muss konkret angegangen werden, was vielen schon lange vorschwebt.» Komme die Forchbahn unter den Boden, könne deren Frequenz erhöht werden, ohne dass die Busverbindungen tangiert würden, seien einfachere Lösungen für den Lärmschutz realisierbar, brauche es die Bahnschranken nicht, werde das Quartier nicht mehr durchschnitten und könnten die Spuren der Forchstrasse ausgebaut werden. «Nicht die Forchbahn, sondern die Autos sollten unterirdisch fahren,» meinte daraufhin einer der zahlreich erschienenen Zuhörer. Der Gemeinderat widersprach, ohne Strasse würde ein Quartier wie der Zollikerberg sterben.

Unterstützung gefordert

Martin Hirs stellte auch klar, dass der Gemeinderat es alleine nicht richten könne. «Die Bevölkerung sowie auch der Quartierverein müssen Lobbying bei den richtigen Stellen machen», hielt er fest und rief dazu auf, sich mit Regierungsräten, Kantonsräten, Amtschefs und Kantonsangestellten in Ver­bindung zu setzen, um sich für das Anliegen stark zu machen. Enttäuscht zeigte er sich von den beiden Zolliker Kantonsrätinnen, die bisher noch keine Vorstösse für die Verbesserung der Forchstrasse gemacht hätten.

«Manche bezeichnen mich als Utopisten», meinte Martin Hirs, «doch glauben Sie mir: ‹Steter Tropfen höhlt den Stein›.» Eines Tages wolle er im Zollikerberg, in dem der Gemeinderat selber zuhause ist, erleben, was Zumikon heute schon hat: eine unterirdisch fahrende Forchbahn. (mmw)