7/2018 «Du bist wertvoll, so wie du bist»

«Du bist wertvoll, so wie du bist»

Als Jugendarbeiter der reformierten Kirche in Zollikon verbindet Marc Hofer zwei zentrale Aspekte seines Lebens: seinen Glauben an Gott und seine Begeisterung für die Arbeit mit jungen Erwachsenen. Als Rapper «Cassel» verar­beitet der 30-Jährige seine Erfahrungen aus dem Alltag. Aktuell auf seiner jüngsten EP «Gunstwärk».

Es gibt Menschen, deren positive Ausstrahlung von der ersten Sekunde weg ansteckend wirkt. Menschen, deren inneres Feuer lodert, als würde es nie zu brennen aufhören. Ihre Augen sind wach, aufmerksam, lebendig. In ihnen widerspiegelt sich das wilde Züngeln der Flammen, die, ihrer Natur gemäss, rasch auf ihre Umgebung übergreifen. Marc Hofer ist einer dieser Menschen. Sein Feuer flammt regelrecht auf, wenn er über das Leben spricht, von seinen Begegnungen, vor allem mit jungen Menschen, erzählt. Dabei umspielen immer wieder kleine Lachfältchen seine leuchtenden blauen ­Augen. Der Dreitagebart hat keine Chance, das breite Grinsen in seinem schmalen Gesicht zu verdecken. Dennoch wirkt er ruhig, ausgeglichen, nahe bei sich.

Sein eigenes Feuer, man könnte es auch die Liebe zum Leben nennen, verbindet Marc Hofer mit seiner Liebe zu Gott. Für ihn ist Gott ­«etwas derart Überdimensionales, dass wir uns eigentlich gar nichts darunter vorstellen können». Dennoch sei Gott mehr als nur eine Kraft oder ein Gefühl, in ihm sieht er den personifizierten Schöpfer unseres Lebens, den Ursprung, das Leben selbst. Als Kind besuchte er regelmässig die Kirche, ist mit dem Glauben als festem Bestandteil seines Alltags aufgewachsen. «Deshalb machen für mich auch die kirch­lichen Werte Sinn, die in der Bibel vermittelt werden», erklärt er.

Auf Umwegen zur Berufung

Seine Berufung als Jugendarbeiter der reformierten Kirche hat der Sozialpädagoge aber nicht auf Anhieb gefunden. Aufgewachsen im Fricktal bei Basel, absolvierte er zuerst eine Lehre als Polygraf, bald darauf rief das Militär. «Dort habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit mit verschiedenen Leuten, vor allem in Drucksituationen, grossen Spass macht.» Ab da wollte er nicht mehr in Produkte, dafür umso mehr in Menschen investieren. In New York half er bei einem Projekt mit Kindern aus dortigen Armenvierteln mit und entdeckte schnell, dass er einen gewissen Zugang zu jungen Menschen hat. «Jugendliche interessierten mich schon damals am meisten. In ihnen schlummert sehr viel Power.» Also holte er in Bern das Studium in Sozialpädagogik nach. Und sammelte danach über mehrere Jahre wertvolle Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen. Unter anderem in einem Jugendheim in Luzern oder in einem Integrationsprogramm in Basel, wo er mit Problemen wie Depressionen, Süchten oder erschwerter Arbeitsintegration konfrontiert wurde.

Die Werte, an die er glaubt, versucht Marc Hofer nun seit zweieinhalb Jahren auch den jungen Menschen in Zollikon näher zu bringen. Seit August 2016 ist er als Jugendarbeiter der reformierten Kirche tätig, pendelt dafür drei bis vier Mal pro Woche zwischen seinem Wohnort Olten und der Zürcher Gemeinde an der Goldküste. Hier scheint er den Beruf gefunden zu haben, der ihm die optimale Kombination aus seinem Glauben an Gott und seiner Begeisterung für die Zusammenarbeit mit Jugendlichen ermöglicht. In diversen Angeboten können junge Menschen mit ihm über Gott und die Welt reden, lebensnahe Themen behandeln, aber auch gemeinsam Events organisieren oder einfach mal «chillen und das Beisammensein geniessen». Einige Angebote sind für junge Reformierte als Teil des Konfirmationsunterrichts obligatorisch, andere können freiwillig besucht werden. Marc Hofer will aber niemals religiöser Prediger sein. Die kirchlichen Werte, an die er glaubt, versucht er immer in einer lockeren, jugendlichen Form und Sprache herüberzubringen. So hat er mit den Teenagern schon Fussballturniere mit kognitiv Beeinträchtigten organisiert oder gemeinsam alkoholfreie Drinks gemixt und mit ihnen gekocht.

In letzter Zeit spannend war für Marc Hofer vor allem das Aufgleisen der verschiedenen «Life»-Angebote, welche den Jugendlichen eine Plattform bieten sollen, um «das Leben in der Gemeinschaft mit Peergroup und Gott in vollen Zügen zu geniessen». Das Ziel soll auch hier sein, dass junge Menschen die Kirche auf einer anderen Ebene erleben können, dass sich gemütliches Beisammensein und geladene Action abwechseln. Dabei darf es ruhig auch mal «etwas crazy» werden. «Wir hatten sogar mal einen ehemaligen Bankräuber zu Besuch, der aus seinem Leben erzählte.» Für Marc Hofer besonders schön zu sehen, ist, dass das Interesse der Zolliker Jugend an solchen Anlässen offensichtlich vorhanden ist. Die 24 Plätze für das erste offizielle «Snowweekend» im vergangenen Januar im Hoch-Ybrig waren alle sofort weg.

Musik als Ventil

Dass seine Ideen hier überhaupt Anklang finden würden, war für Marc Hofer zu Beginn nicht sicher. «Ich kam aus einer anderen Szene, aus der integrativen Arbeit mit Jugendlichen, die gescheitert sind im Leben und einen Neuanfang wollten.» Dort wusste er aber jeweils schnell, wo der Hebel anzusetzen war. «In Zollikon habe ich mich anfangs oft gefragt: Braucht hier überhaupt jemand meine Hilfe?» Denn auf den ersten Blick scheinen die jungen Menschen hier alles zu haben, was sie zum Leben brauchen. So dauerte es eine Weile, bis er begriff, wie die Kids hier ticken. Inzwischen weiss er: «Es geht mehr um ein Unterwegssein mit den Leuten.» Hier sei es vor allem der soziale Druck, der auf den Jugendlichen laste. Dieser werde dann oft durch das Aufrechterhalten einer Fassade zu verdecken versucht. «Ein Neunjähriger hat gar einmal geweint, weil er so viel zu tun hatte und nicht mehr wusste, wie weiter. Dass ein Kind so etwas sagt, ist mir eingefahren.» Deshalb sei für ihn hier in Zollikon vor allem eine Botschaft zentral geworden: «Du bist wertvoll, so wie du bist.» Er möchte den ­sozialen Druck, die teils herrschende Oberflächlichkeit ansprechen, möchte den jungen Menschen mit auf den Weg geben, dass es wichtig ist, sich selber so akzeptieren zu können, wie man ist.

Diese Themen spricht Marc Hofer auch mit der Musik an. In den Angeboten nutzt er oft auch kleine Rapeinlagen, um die Pointen eines Themas auf den Punkt zu bringen. Der Zweitjüngste von vier Geschwistern hat bereits im Alter von acht Jahren begonnen, kleine Reime zu schreiben. Das Spiel mit den Worten gefiel ihm, das Schreiben half dabei, Ballast abzuwerfen.  Irgendwann dachte er sich: «Ich habe eine Botschaft, die ich teilen möchte.» Unter dem Alias «Cassel» rappt er heute über die Fragen des Lebens, Zeitgeist, Liebe, Hass, Gott. «Es ging mir immer weniger um Stimmung oder die Party, sondern darum, einen Inhalt weiterzugeben.» Seit Beginn dieses Jahres ist er nun mit neuem Sound zurück. «Gunstwärk» heisst die zwölfmi­nütige EP. Sie widmet sich unter anderem ebendiesen Themen, die der Sozialpädagoge auch mit den Jugendlichen anspricht – Akzeptanz, Wertschätzung und der Liebe zum Leben. (vk)