50/2017 Frisch von gestern

Frisch von gestern

Sandra Elsener steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, um etwas gegen die Verschwendung von Lebensmittel zu unternehmen.

Sandra Elsener ist dick eingemummelt. Sehr dick. Sie hat aus den vergangenen Wintern gelernt und weiss, wie sehr man im Mobil der Äss-Bar frieren kann. Und trotzdem: Die Zollikerin liebt ihren Job. So sehr, dass sie das Mobil auf den Namen René getauft hat. «Der Wagen ist einfach mein Baby», lacht sie fröhlich und hellwach. Und das, obwohl sie jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen muss. Seit fast drei Jahren ist sie jetzt bei der Äss-Bar und total glücklich mit ihrem Job. Auch weil sie damit ­etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln tut. Das Konzept: Brot, Brötchen, Kuchen, Sandwiches, die eine Bäckerei bis Ladenschluss nicht mehr verkaufen konnte, werden eingesammelt und «frisch von gestern» an unterschiedlichen Standorten verkauft. Sandra Elsener steht an festen Tagen bei der ETH in der Stadt und am Hönggerberg. Und sie hat ihre Stammkundschaft. Das seien natürlich in erster Linie Studenten, aber auch Familien. Doch grundsätzlich sei die Kundschaft der Äss-Bar so unterschiedlich wie Zürich selbst. Da gibt es die Geschäftskunden, die Touristen, die Eiligen, die Kostenbewussten. Und es gebe durchweg ein positives Feedback. «Einem Gipfeli merkt man vielleicht an, dass es vom Vortag ist. Doch bei einem Brot schmeckt man das nicht», urteilt die 29-Jährige. Ihr Vorteil ist, dass sie selber aus dem Backwesen kommt.

Unterwegs mit René

Vor gut drei Jahren wurde das Konzept in der Bäckerei-Filiale, wo sie stellvertretende Leiterin war, vorgestellt und Sandra Elsener war Feuer und Flamme. Der Chef war natürlich wenig begeistert, als sie – und auch die Filialleiterin – bei der Äss-Bar anheuerten. «Aber ich war damals eh auf dem Sprung. Da kam das gerade richtig.» Seitdem ist sie also mit René unterwegs und sorgt für mehr Nachhaltigkeit. «Und wir haben immer ein grosses Sortiment. Wir bieten ja nicht nur das Angebot einer einzigen Bäckerei an, sondern von ganz vielen Läden», unterstreicht sie. Sie kann sich selber noch gut erinnern, wie in ihrer Bäckerei am Abend die übrig gebliebenen Nahrungsmittel weggeworfen wurden. Und weil der Kunde ja immer erwarte, dass alles bis zum Ende frisch gebacken im Angebot sein müsse, war das nicht wenig. «Mittlerweile gehört aber auch mein ehemaliger Arbeitgeber zu unseren Spendern», freut sie sich. Sie liebt die Abwechslung an ihrem Job. Die Touren, um bei den Bäckereien die Ware abzuholen, das Gespräch mit den Kunden und – das Sinnhafte ihres Tuns. So wird nicht nur Food-Waste vermieden, auch Kunden mit kleinem Budget können sich frisches Brot, ein feines Vermicelles oder ein Sandwich leisten. Die Preise sind extrem tief. «Wir haben die genauen Preislisten unserer Zulieferer und reduzieren um 50 bis 60 Prozent. Da ist ein Gipfeli für 50 Rappen zu haben. Günstiger geht es kaum», erläutert sie. Wer mit Lebensmitteln arbeitet, muss extrem auf die Lagerung achten. «Wir können wirklich garantieren, dass die Kühlkette immer eingehalten wird.»

Am Ende steht das Biogas

Doch irgendwann ist es so weit, dass das Brot wirklich zu alt und trocken ist, um noch weiter über die Äss-Bar verkauft zu werden. Aber auch dann wandert es nicht in den Müll. Dann wird es von einer Firma abgeholt und weiter zu Biogas verarbeitet. Der Nachhaltigkeitsgedanke geht also noch weiter. Sandra Elsener kennt auch einen Bäcker, der das alte Brot hinstellt, damit Kinder es holen, um ihre Hasen oder Kaninchen damit zu füttern. «Alles ist besser, als es wegzuschmeissen», lautet ihre Devise. Was sie beruflich lebt, treibt sie auch in ihrer Freizeit an. Und damit wären wir bei ihrer Aversion gegen Plastik. Gerne kauft sie frische Bioprodukte, und ausgerechnet die sind in Plastikfolien eingeschweisst. «Ich achte auch darauf, dass ich nicht zu viel einkaufe, damit mir eben nichts schlecht wird.» (bms)