43/2017 «Gräber sind für die Hinterbliebenen, nicht für die Verstorbenen

«Gräber sind für die Hinterbliebenen, nicht für die Verstorbenen»

Am nächsten Mittwoch gedenken die Lebenden der Verstorbenen, es ist Allerheiligen. Viele werden den Tag nutzen, um den Arbeitsplatz von Thomas Hottinger zu besuchen. Der Leiter der beiden Friedhöfe in Zollikon über sein Verhältnis zum Tod, entscheidende Veränderungen der Grabarten und warum ihn diese überraschen.

Mit Thomas Hottinger sprach Melanie Marday-Wettstein

Herr Hottinger, mögen Sie Ihren Arbeitsplatz, den Friedhof?

Den mag ich ausserordentlich, ja, ich liebe ihn sogar. Der Ort an und für sich gefällt mir bereits sehr gut, bin ich doch jeden Tag im Grünen, in der Natur, was ich sehr schätze. Und der Friedhof im Besonderen gibt mir sehr viel.

Ist er für Sie ein mystischer Ort, spüren Sie vielleicht gar die Anwesenheit von Seelen oder Geistern?

Ein mystischer Ort auf jeden Fall, aber die Anwesenheit von Seelen oder Geistern spüre ich selber nicht. Ich habe aber schon etliche Rückmeldungen von Besuchenden erhalten, die diese Empfindungen haben. Mir gibt der Friedhof viel Kraft, einerseits durch die gesamte Umgebung, andererseits aber auch durch die vielen Gespräche mit den Hinterbliebenen.

Sind die Friedhöfe Zollikerberg und Zollikon an Allerheiligen besonders schön gepflegt?

Mit Betonung auf besonders, ja! (lacht). Unsere Friedhöfe sind immer schön gepflegt, aber der Tag der Allerheiligen ist wirklich der Friedhofstag. Durch die Wintergräberbepflanzung mit den Weiss- und Blautannenästen bekommt er eine spezielle Note und wir schauen, dass dann wirklich alles picobello sauber daherkommt und unsere Friedhöfe in ganz besonderem Glanz erstrahlen.

Dann sind die Friedhöfe an diesem Tag also auch deutlich besser besucht?

Ja, ganz klar. Nicht unbedingt nur am 1. November selber, sondern auch in den Tagen zuvor und danach. Viele nutzen diese Tage ganz bewusst, um ihren Liebsten zu gedenken.

Sie haben praktisch jeden Tag mit dem Tod zu tun. Was für ein Verhältnis haben Sie zum Leben und zum Tod?

Man soll jeden Tag nehmen, wie er ist, und ihn geniessen. Das Materielle hat für mich einen viel kleineren Stellenwert erhalten. Wahrscheinlich ist dies auch eine Alterserscheinung, bestimmt hat aber auch mein Job damit zu tun. Zum Tod habe ich kein spezielles Verhältnis, er gehört dazu wie die Geburt, ist neben ihr so ziemlich das Normalste, das es gibt. Um ihn kommt auch niemand herum, auch geht niemand vergessen (schmunzelt). Beängstigend ist der Tod nicht, höchstens das Sterben. Ich denke da an Krankheiten und Leiden.

Sind Sie durch Ihren Beruf auch gelassener geworden gegenüber der eigenen Vergänglichkeit?

Ich bin schon sehr lange auf dem Friedhof tätig, mit 24 Jahren habe ich auf dem Friedhof in Küsnacht angefangen mit meiner Arbeit, ­inmitten der Gräber. Seit 15 Jahren bin ich nun in Zollikon tätig. Diese Zeit prägt natürlich, ich habe mir viele Gedanken über den Tod und das Sterben gemacht, auch viele über meine Nächsten. Wie wird es sein, wenn diese gehen müssen? Emotional natürlich nochmals ganz anders als im täglichen ­Umgang hier an meinem Arbeitsplatz.

Sprechen Sie Ihre Gedanken auch laut aus und reden als Familienvater aktiv mit ihren Kindern über den Tod?

Natürlich gab und gibt es oft Gespräche am Familientisch und meine Kinder haben vieles mitbekommen, sie haben mich auch schon oft auf dem Friedhof besucht. Wir haben ein ziemlich unverkrampftes Verhältnis zum Tod. Er bleibt für mich aber etwas ganz Besonderes. Wenn dies nicht mehr so wäre, so müsste ich mich beruflich verändern. Beisetzungen bewegen mich nach wie vor, auch nach so vielen Jahren.

Was geht Ihnen ganz besonders nah?

Kinderbeisetzungen sind sehr emotional und diese Bilder trage ich auch oft noch länger mit. In der Regel gehe ich am Abend zum Friedhofstor hinaus und lasse meine Gedanken zurück. Todesfälle von Kindern und jungen Erwachsenen wühlen aber natürlich auf. Einmal erlebte ich eine Beisetzung eines im Pool ertrunkenen Kindes, das im Alter meines älteren Sohnes war. Das hat mich lange beschäftigt. Eine weitere war eine junge Mutter. Ihre Kinder führten den Trauerzug an, hielten die Urne ihrer Mutter in der Hand. Solche Szenen setzen sich auch bildlich fest und es braucht Zeit, um sie zu verarbeiten.

Was lehrt uns der Tod?

Dass wir weniger materialistisch denken sollten, das Leben mehr als Geschenk annehmen. Im Moment lese ich viel über Nahtoderlebnisse und dort wird häufig eindrücklich beschrieben, wie viele nach einem solchen Erlebnis vom Materialismus wegkommen und einen neuen Sinn im Leben sehen. Ich glaube aber, dass die Allgemeinheit schlussendlich nicht sehr viel vom Tod lernt. Für die Hinterbliebenen ist er eine schmerzliche momentane Situation im Leben, ein Grossteil kommt aber schnell wieder in den sogenannten Gesellschafts- und Alltagstrott.

Auf dem Friedhof begegnen Sie vielen Trauernden. Was für Beobachtungen machen Sie da?

Tendenzmässig geben die Jungen heute wieder vermehrt Grabbeigaben mit in Form von Briefen oder einem sonstigen greifbaren Gegenstand, der für sie eine Bedeutung hat. Ganz früher wurde das sehr häufig gemacht, zwischenzeitlich hatte es aber stark abgenommen.

Und welche Veränderungen machen Sie in der Kultur des Abschiednehmens aus?

Heute finden Beisetzungen oft nur noch im Familien- oder im engen Kreis statt. Das hat sich sehr verändert, vor 25 Jahren gab es oft noch grosse Trauergemeinschaften. Heute hört man häufig, keine oder lediglich eine Beisetzung im engsten Kreis sei der Wunsch des Verstorbenen gewesen. Einige möchten die Beisetzung auch erst im Nachhinein publiziert haben. Ich finde das sehr schade, da man so vielen Personen die Möglichkeit nimmt, von einem lieben Mitmenschen Abschied zu nehmen.

Das hängt wohl mit dem Zeitgeist der individualisierten Gesellschaft zusammen.

Ja, das sehe ich auch so. Heute sind viele individueller unterwegs, und nicht wenige haben das Gefühl, sie seien auf ihre Umgebung nicht mehr angewiesen.

Dem entgegen läuft doch aber der Wandel zum Gemeinschaftsgrab, das heute immer mehr zur Anwendung kommt?

Ich finde, Gemeinschaftsgräber passen nicht in unsere Gesellschaft, in der immer mehr individuell durchs Leben gehen. Gemeinschaftsgräber machen auf den Zolliker Friedhöfen 40 Prozent aller Beisetzungen aus, vor 20 Jahren waren es gerade mal 3 Prozent. Zurückgegangen sind die Erdbestattungen, die machen heute nicht mal mehr einen Fünftel aller Beisetzungen aus. Welche Grabart auch immer gewählt wird, ich finde, man sollte stets bedenken, dass das Grab in erster Linie nicht für die Verstorbenen, sondern für die Hinterbliebenen ist. Im Idealfall, wie ich ihn mir vorstelle, wird die Beisetzung mit allen Beteiligten im Vorfeld besprochen. Das Grab ist ein Ort wo man hingehen kann, wenn man das Bedürfnis hat.

Die Gemeindeversammlung von Ende November bestimmt darüber, ob auf Erdbestattungsreihengräber im Zollikerberg verzichtet werden soll. Ist der Rückgang dieser Grabart der Grund?

Nein, das hat mit der Bodenbeschaffenheit des Friedhofs im Berg zu tun. Diese ist für Erdbestattungen ungeeignet. Der Boden ist lehmig, lässt wenig Luft durch, sodass für die komplette Verwesung der Sauerstoff fehlt. So müssen die Leichen exhumiert werden, bevor das Grabfeld neu belegt werden kann, was zu einer unwürdigen Situation führt. Auf dem Friedhof im Dorf sind die Verhältnisse des Bodens besser, ausserdem gibt es hier Platzreserven für rund 40 Jahre. Aus diesem Grund wird vorgeschlagen, Erdbestattungs­reihengräber nur noch im Dorf anzubieten.

Neu soll auch die Ruhefrist nach deren Ablauf nach 25 Jahren kostenpflichtig verlängert werden können. Hat dies auch mit den vorhandenen Platzverhältnissen zu tun?

Ja, denn wir haben hier auf unseren Friedhöfen tatsächlich den Luxus, viel Platz zu haben. So können wir dem Wunsch nach einer verlängerten Ruhefrist gut nachkommen. Dies haben wir auch bis anhin so gehandhabt, nun soll diese Möglichkeit explizit in die Friedhofsverordnung aufgenommen werden.