37/2017 Ein alter Brauch kämpft ums Überleben

Ein alter Brauch kämpft ums Überleben

Am Samstag fand in Zumikon ein Ereignis statt, dessen ­Ursprung 336 Jahre zurückliegt: das Hochzeits- und Ehren­gabenschiessen. Der Brauch stammt aus einer Zeit, als Zumikon noch arm war.

Marcel «Cello» Irminger packt sein Gewehr aus der grossen Tasche, zieht die stabile Schiessweste über und legt sich hin. Es giesst wie aus Kübeln. Eigentlich gute Bedingungen, denn der Regen wäscht die Luft sauber. Er zielt ruhig, drückt ab. Ein Neuner. Dann weitere Neuner. Und Achter. Er ist unzufrieden, obwohl er 52 Punkte erzielt hat. «Keine Zehner», moniert er. Denn er übt das Schiessen im Verein als Sport aus und hat mehr erwartet, obwohl er nur einen Punkt weniger als der Drittplatzierte erreicht hat. Das nennt sich ärgern auf hohem Niveau. Und das am Hochzeits- und Ehrengabenschiessen, das zu der Zeit zum ersten Mal stattfand, als Ludwig XIV, der «Sonnenkönig», in Frankreich herrschte. 1681 nämlich lautet das Gründungsjahr der Gemeindschützengesellschaft, die von den Bewohnern der Weiler Zumikon, Gössikon und Waltikon gegründet wurde, die damals alle zu Zollikon gehörten. Die Schützengesellschaft ist also älter als die politische Gemeinde Zumikon. Und sie ist älter als die erste Schule in Zumikon, die erst 1692 gegründet wurde.

Die Gründung

«Zu wüssen und thun Kundt seig Alen mäniklich mit dysem Schützenbuch was es sich zugetragen hat zwüschen der Gemeind Zoliken und der Gemeind des Berges halbem zu Zumiken Woldiken den Höften und Gösiken des Schüsens halb da dann die for bedachten Gemeind uff ein Zielschaft zusammen gen Zoliken Gehört händ.» So beginnt das Gründungsprotokoll der Gemeindschützengesellschaft Zumikon, das vor 336 Jahren festgelegt wurde. Grosszügig unterstützt wurden die Schützen von der reichen Stadt Zürich, für welche die schiesskundigen Bauern in den Dörfern vor der Stadt einen ersten Verteidigungsring bildeten. Die Stadt spendete dem Anlass Preise, etwa Wämser und Hosen aus gutem Tuch, die sich die mausarmen Bauern sonst nie und nimmer hätten leisten können. Denn – hätte zu jener Zeit schon ein Finanz­ausgleich existiert, wäre Zumikon (und andere Gemeinden der Goldküste) dankbare Empfängerin – und nicht spendable Geberin wie heute gewesen.

Die «Schwarze Liste»

In alten Zeiten mussten Einwohner, die seit dem letzten Schiessen geheiratet hatten oder neu zugezogen waren, einen Preis für das nächste Hochzeits- und Ehrengabenschiessen spenden. Wer dem nicht nachkam, wurde auf die «Schwarze Liste» gesetzt, die es ihm untersagte, jemals wieder an dem Schiessen teilzunehmen. Die Zeiten haben sich geändert. «Wir haben einfach zu wenig Teilnehmer», erklärt Heiri Schweizer, der Präsident der Gemeindschützengesellschaft, «zwar haben sich heuer mehr als 60 Teilnehmer angemeldet und einbezahlt.» Und nicht wenige hätten den Teilnahmebetrag aufgerundet. Auch das Gewerbe hat schöne Preise gestiftet. Aber nur 36 haben geschossen und der Aufwand für die Organisation sei für so wenige enorm. Immerhin sind 36 genau 16 weniger als vor sechs Jahren. Und die Teilnehmerzahlen sinken kontinuierlich. Früher, als Zumikon noch knapp 1000 Einwohner zählte, seien jeweils gegen 100 Schützen erschienen, erinnert sich Hermann Zangger, der ehemalige Gemeindepräsident und Ur-Zumiker, dessen Vater übrigens 1952 siegte. Das Hochzeits- und Ehrengabenschiessen findet nur alle vier bis sechs Jahre statt. Von 1880 bis zum Jubiläum 1981 wurde 24 Mal geschossen. Es müsste sich dieses Jahr also ungefähr um die 80. Austragung gehandelt haben. Wer in den alten Schützenbüchern stöbert, findet die Namen von Geschlechtern, die noch heute in Zumikon ansässig sind.

Auch Frauen schiessen mit

Während am Anfang mit Feuersteinflinten und später mit Langgewehren geschossen wurde, kommen in der Neuzeit moderne Waffen zum Einsatz. Und seit der Einführung des Frauenstimmrechts wurden die Statuten dahingehend geändert, dass auch Frauen mitschiessen dürfen, wozu es allerdings zwei Vorstandssitzungen, eine Gemeinderatssitzung und eine Abstimmung an der Gemeindeversammlung brauchte. Die Bedeutung des Vereins zeigt sich auch darin, dass der Vorstand nicht von den Mitgliedern, sondern vom Gemeinderat gewählt wird. Heute leiten Heiri Schweizer (Präsident), Matthias Rüegg (Aktuar) und Roland Dietsche (Schützenmeister) den Verein. Dieses Jahr belegte die letztmalige Siegerin, Doris Frei, mit 53 von 60 möglichen Punkte den zweiten Platz, eingerahmt von den zwei Vorstandsmitgliedern Roland Dietsche (dem Bruder von Gemeinderat Christian Dietsche, 17. mit 42 Punkten), der mit 57 Punkten siegte, und Präsident Heiri Schweizer, der mit 53 Punkten den dritten Platz belegte. Während ein ehemaliger Gemeinderat mit 0 Punkten den letzten Rang belegte.

Der Präsident tritt zurück

Beim Absenden gibt es noch eine wichtige Personalie zu vermerken: Präsident Heiri Schweizer tritt aus dem Vorstand zurück, Urs Sonderegger stellt sich als neues Vorstandsmitglied zur Verfügung. Es liegt nun am Gemeinderat, ihn als Mitglied des Gremiums zu bestätigen. Der alte Brauch zieht übrigens Jung und Alt in seinen Bann: Der jüngste Schütze zählte 13 Jahre, der Älteste deren 83. Bleibt zu hoffen, dass in Zukunft wieder mehr Schützinnen und Schützen teilnehmen, damit diese schöne Tradition nicht aussterben muss.(wn)

Quelle: Die geschichtlichen Textpassagen stammen aus der Jubiläums-Broschüre der Gemeindschützengesellschaft aus dem Jahre 1981. Mit einer Grussadresse der damaligen Gemeindepräsidentin und späteren Bundesrätin Elisabeth Kopp.