34/2017 Im Rausch der Tiefe

Im Rausch der Tiefe

Lothar Weber ist leidenschaft­licher Apnoe-Taucher. Mittlerweile ist er aber auch auf dem Sprungturm zu sehen.

Einfach mal abtauchen – das können sich für die Ferien wohl viele vorstellen. Einer, der das aber absolut ernst meint, ist der Zumiker Lothar Weber. Brille, Flossen und Neopren-Anzug sind im Feriengepäck. Eine Sauerstoffflasche dagegen braucht er nicht: Der 47-Jährige ist Apnoe-Taucher. Das heisst, dass er allein mit der Luft,  die  in der Lunge ist, in die Tiefe geht. Mehr als  30 Meter tief ist er damit schon gekommen. Das erfordert natürlich ein besonderes Training. «Man muss ganz entspannt sein vor dem Tauchgang. Am besten geht das mit Yoga-Übungen», erläutert er. Und wenn der Körper dann  nach einer Weile ganz «chillig» sei, beginnt das Einatmen. Drei Regionen füllt er ganz bewusst: den Bauch, die Seiten und die Brust. Mehr Luft geht dann nur noch durch weiteres Pressen. «Packing» nennen das die Profis. Die Luft werde richtig eng in den Körper gepresst und dann geht es in die Tiefe. Schon früh hat Lothar Weber mit dem Schwimmen angefangen. Der gebürtige Deutsche war gleichzeitig in drei Schwimmvereinen – der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft und zwei Hochleistungsteams. «Das war eigentlich ein Overkill», lacht er rückblickend. Seine stärkste Disziplin war das Brustschwimmen. Doch auch im Kraulen machte er auf sich aufmerksam. Normalerweise wird nach drei Zügen geatmet. Der kleine Lothar  allerdings hatte genug Luft in der Lunge, um immer erst nach vier Zügen nach Luft zu schnappen. «Ich hatte irgendwie den Spleen, dass ich nur nach links atmen wollte.» Spasseshalber wurde damals auch getaucht. Und er fand Gefallen daran. Mal in die Länge, da kam er auf Anhieb locker auf 50 Meter. Immer häufiger holte er Steine, Ringe, Figuren vom Grund nach oben. Und dann – als Jugendlicher – kam die Diagnose: Das linke Knie war kaputt, musste operiert werden. Schwimmen durfte er jetzt nur aus therapeutischen Gründen. Wettkampfschwimmen war für den Vize-Landesmeister gestrichen.

Ein gefährlicher Sport

Erst ein paar Jahre später – in den Ferien – begann er wieder, sich im Wasser zu tummeln, und aus Zufall stiess er auf den seltenen Sport des Apnoe-Tauchens. Er kaufte sich das Buch «Homo Dolpines» von Jacques Mayol – dem Apnoe-Taucher schlechthin, der als Vorlage für den Film «Im Rausch der Tiefe» diente. Lothar Weber war fasziniert von der Welt des berühmten Franzosen, von den Fotos aus der Tiefe, von den selbstgebauten Schlitten, mit denen sich die Männer in die Tiefe ziehen liessen. «Mir war aber auch schnell klar, dass das ein gefährlicher Sport ist», räumt er ein. Als Autodidakt hat er sich viel Wissen angeeignet. Zum Beispiel über den Sauerstoffgehalt im Körper. Geht der Körper in die Tiefe, wird er von dem enormen Druck zusammengepresst. Das bedeutet: Auch wenn der Körper Sauerstoff verbraucht, bleibt die Konzentration im Blut doch gleich. Gefährlich sei deswegen die letzte Zone vor dem Auftauchen. Der Körper dehnt sich wieder aus, die Sauerstoff-Konzentration fällt extrem schnell ab. «Daher gibt es immer Sicherungstaucher an der Oberfläche, die sofort eingreifen müssen, wenn ein Taucher bewusstlos wird.» Auch sei es wichtig, bewusst gegen den Atemreflex zu arbeiten, den zu unterdrücken. So wie bei Säuglingen, die direkt nach der Geburt unter Wasser gehalten werden, der Atemreflex aussetzt. Ganz wichtig sei auch der Druckausgleich – wie man es vom Fliegen kennt. Schnell steigt der Druck aufs Trommelfell durch die Kraft des Wassers. Man könne dann eben mit Luft aus der Lunge ausgleichen oder auch mit einem Druck der Zunge an den Gaumen. Damit funktioniert der Druckausgleich auch in grösseren Tiefen. «Es gibt verschiedene Techniken für den Druckausgleich. Jeder Taucher hat hier seine eigene Präferenz. Zur Vermeidung eines Barotraumas, also einer Schädigung des Ohres, ist der Druckausgleich jedoch unerlässlich», erläutert der Zumiker. Die Apnoe-Taucher starten in drei unterschiedlichen Disziplinen. Da sind die «No limits»-Taucher, die sich von einem Schlitten in die Tiefe ziehen lassen, um sich unten mittels einer riesigen Luftblase wieder in die Höhe katapultieren zu lassen. Und da gibt es «variable weight»: Man wird mit Gewicht hinuntergezogen und schwimmt aus eigener Kraft wieder hoch. Und zum Schluss gibt es das «constant weight»: Man taucht aus eigener Kraft ab und wieder auf. «Das ist das eigentliche Freitauchen. Ohne Schnickschnack», urteilt Lothar Weber, der diese Disziplin bevorzugt.

Atempause von 6 Minuten

Auch im Zürichsee ist er schon in die Tiefe gegangen, und zwar mit dem österreichischen Weltrekordhalter Christian Redl. Zu Beginn seines dreitägigen Workshops mussten alle Teilnehmer aus dem Stand die Luft anhalten. «Er versprach uns, dass wir nach drei Tagen doppelt so lange aushalten würden», erinnert sich Lothar Weber. Er kam sofort auf drei Minuten. Der Trainer schluckte. Aber er schaffte es. Am Sonntag konnte sein Schüler für sechs Minuten das Atmen aussetzen. Das heisse nicht, dass er beim Tauchen die Uhr im Blick habe. Ganz im Gegenteil. Man müsse sich ablenken, die Gedanken schweifen lassen. «Dann wird es herrlich.» Er geniesst vor allem, dass er so wenig braucht für seinen Sport. «Keine grosse Sauerstoffflasche, riesige Brille und der ganze Schnickschnack.» Deswegen seien auch andere Wassersportarten wie Wind- oder Kite-Surfen für ihn nicht das Richtige. «Viel zu viel Gepäck.» Was er immer mit dabei hat: das Wissen um die Gefahren. Vor allem, seitdem er zwei Söhne hat, taucht die Sorge mit. Nie mehr würde er wie damals auf den Malediven einfach mal in die Tiefe abtauchen. «Ich sass auf dem Grund und habe oben meine Frau an der Wasseroberfläche gesehen. Ich habe gesehen, wie klein sie war, und hatte plötzlich richtig Angst», erinnert er sich noch sehr genau. Und deswegen hat er sich nun eine zweite Sportart zugelegt, die natürlich aber auch mit Wasser zu tun hat. Immer häufiger ist Lothar Weber auf dem Sprungturm in der Badi Juch zu sehen. Den anderthalbfachen Salto hat er im Visier. Und wenn das mal schiefgeht und er schrägt aufs Wasser klatscht, ist das nicht ganz so schlimm, als wenn plötzlich die Luft in der Tiefe knapp wird. (bms)