36/2016 Von Fotos bis zu Feuerzeugen

Von Fotos bis zu Feuerzeugen

Khaled El-Asmar führt in Zumikon seit Jahren trotz aller Widrigkeiten erfolgreich ein kleines Geschäft – nun läuft sein Mietvertrag aus, ohne eine absehbare Verlängerung.

Die Taschenlampen liegen neben den Traumfängern, die Kaffee-Kapseln in allen Farben stehen neben dem Einweggeschirr. Im Regal weiter hinten liegen Barbies, Magnete, Feuerzeuge. Aber auch Staubsaugerbeutel sind zu finden sowie Star-Wars-Figuren. In den unzähligen Schubladen schlummern weitere Überraschungen. Das Sortiment bei «El-Asmar Fototechnik» ist «interessant» – eine Beschreibung, die immer passt, wenn man sich bei der Beurteilung nicht sicher ist. Khaled El-Asmar weiss um die Fülle seines Angebots, er kennt sein Chrüsimüsi. Und er weiss auch ganz genau, wo er was findet. Zielsicher zieht er die richtige Schublade, wenn zum Beispiel Briefumschläge gefragt sind. «Dieses scheinbare Durcheinander hat aber seinen Grund», lacht er herzlich und lässt den Blick über seinen Schreibtisch schweifen. Viel ist von der Arbeitsfläche nicht zu sehen.

Vor 35 Jahren ist er aus dem Libanon in die Schweiz gekommen. Eigentlich nur zu Besuch, doch es gefiel ihm so gut, dass er blieb. Er verliebte sich, heiratete. Das ist alles Geschichte. Mittlerweile ist er geschieden. «Ich habe keine Familie hier, keine alten Schulfreunde, keine Kollegen aus der Lehre. Ich habe keine Kindheitserinnerungen. Aber Zumikon ist mein Zuhause», erläutert der heute 60-Jährige. Umso schlimmer, dass er vielleicht nicht mehr lange in Zumikon bleiben kann. Sein Mietvertrag für das Ladenlokal an der Dorfstrasse läuft im kommenden Juni aus. Eine Verlängerung ist nicht in Sicht.

«Kannte niemanden»

Vor 17 Jahren kam er in das Dorf. Zuvor hatte er als Techniker bei Nikon in Küsnacht gearbeitet. Dort reparierte er Kameras. Sein Spezialgebiet waren Unterwasser-Fotoapparate. Als das bekannte Foto-Unternehmen nach Egg zügelte, suchte er sich in der Nähe eine Wohnung und kam so zufällig nach Zumikon. «Aber ich kannte niemanden hier. Ich fuhr morgens nach Egg, kam am Abend zurück. Ich habe mit niemandem gesprochen», erinnert er sich. Als sieben Jahre später Nikon die Mitarbeiterzahl von 65 auf nur noch 20 Angestellte reduzierte, musste er gehen. Und so nahm er Zumikon erstmals als «seine» Gemeinde wahr. Er verbrachte Zeit im Dorf, schlenderte durch die Strassen und stiess auf das leere Geschäft am Rand des Dorfzentrums. Dort hatten schon viele ihr Glück versucht. Niemand blieb lange. «Und so haben mir viele abgeraten, hier ein eigenes Fotogeschäft aufzumachen», so Khaled El-Asmar. Doch er zeigte sich mutig und wagte die Selbstständigkeit. Und der Laden lief. Entgegen aller Befürchtungen. Zumindest so lange, bis das kantonale Passbüro in Zürich die Auflage machte, dass die Passfotos vor Ort gemacht werden mussten. «Ich hatte 50 Prozent Einbussen», weiss Khaled El-Asmar noch. Das Erstellen von Passfotos war zuvor die Haupteinnahmequelle gewesen. Er musste die Angestellten entlassen, neue Lehrstellen für die beiden Lernenden suchen. Doch der Libanese hat eine besondere Stärke: Flexibilität. DHL suchte damals einen Servicepoint. Somit wurde El-Asmar Fototechnik Servicepoint. Pakete können geholt und gebracht werden. Das Unternehmen Lyreco suchte einen Freelancer, bei dem grosse Büro-Kaffeemaschinen repariert werden konnten. Khaled El-Asmar machte einen sechsmonatigen Kursus und nimmt seitdem die Kapsel-Automaten an. Parallel verlegte der Foto-Fachmann sich auch auf den Papeteriebereich. Es gibt Blöcke, Hefte, Schreibwerkzeug, Etuis und mehr. Ganz nebenbei erfüllte der Geschäftsmann sich auch noch einen Kindheitstraum. Als er in die Schweiz kam, wollte er eigentlich für sein Leben gerne Uhrmacher werden. Uhrwerke faszinieren ihn einfach. Für eine Ausbildung war er schlicht zu alt. Als vor ein paar Jahren ein Uhrmacher schloss und sein ganzes Inventar versteigerte, griff er zu. «Noch kann ich keine Uhr reparieren. Aber eine Batterie habe ich schnell ersetzt», lächelt er. Dafür müsse niemand extra nach Zürich fahren.

Stammkunden im Fokus

Sein Geschäftsmodell ging auf. Erst recht als die EKZ ein paar Häuser weiter schloss. Rasch nahm er Batterien und Glühbirnen ins Sortiment auf. «Und so konnte ich überleben. Sogar zufrieden überleben», resümiert er. Und auch jetzt gibt er nicht auf. Er möchte in Zumikon bleiben. «Ich habe keine Kinder, mein Laden hier ist mein Kind.» Seine Idee klingt im ersten Moment ein bisschen surreal. Doch eigentlich hätte sie nur Gewinner. Wirklich reden über den Plan will er aber noch nicht. Nur so viel: Er denkt auch an seine treue Kundschaft. Ältere Damen, die mit der Küchenwaage oder der Taschenlampe kommen, weil die Batterie leer ist. «Die brauchen nicht nur die richtige Batterie, sondern auch Hilfe beim Einlegen.» Natürlich hat sich der Geschäftsmann schon umgeschaut. Es gibt leere Ladenlokale in Küsnacht, in Erlenbach oder auch in Egg. «Aber ich bin doch hier daheim. Ich will nicht wieder anderswo neu anfangen», betont er. Die paar Jahre bis zur Rente möchte er weiter in Zumikon tätig sein. Ausserdem gibt er zu bedenken, dass bald die neue Wohnsiedlung komme. Und da könne es ja nicht sein, dass das ganze Leben nur am Waltikon toben würde, wo der neue grosse Coop vis-à-vis der Migros entsteht. Zur Sicherheit hat er aber nebenbei schon einen Online-Shop eröffnet. Schliesslich ist sein Lager – nicht nur sein Laden – noch voll. Man kann auch virtuell in dem breiten Angebot stöbern. «Aber ich habe eigentlich lieber Kontakt mit den Leuten», schränkt Khaled El-Asmar ein. Er mag die Gespräche zwischendurch, bringt die Kundinnen und Kunden noch bis zur Tür. Und niemals vergisst er, zum Abschied ein Bonbon anzubieten. (bms)