15/2016 Kultur pur

Kultur pur

Das vergangene Wochenende stand ganz im Zeichen der Kultur: Der Zolliker Kulturkreis feierte sein 70-jähriges Bestehen mit einem Kulturfest der besonderen Art. Für einen würdigen Auftakt sorgte am Freitagabend der Schriftsteller Peter Bichsel.

Das Programm konnte sich sehen lassen: Den Auftakt machte am Freitagabend der Schriftsteller Peter Bichsel. Am Samstagnachmittag gab die Harmonie Zollikon auf dem Dorfplatz ein Konzert, gefolgt von einem Dada-Abend mit Tanzperformance. Ein Kindertheater, ein Konzert der Musikschule und – als Höhepunkt – ein Sinfoniekonzert der Camerata Schweiz mit dem Dirigenten Howard Griffiths und dem Hackbrettvirtuosen Töbi Tobler rundeten das Programm am Sonntag ab. Ein Programm, das für Jüngere und Ältere gleichermassen etwas bot.

Daniel Wyss, Präsident des Kulturkreises Zollikon, eröffnete das Kulturfest. Eineinhalb Jahre Vorbereitungszeit seien vorüber, das Fest stehe vor der Tür. Besonders wichtig sei es den Veranstaltenden gewesen, verschiedene Stilrichtungen in Wort, Bewegung (Tanz) und Musik zu berücksichtigen. «Ebenfalls sehr wichtig war uns, auch junge Kunstinteressierte und junge Künstlerinnen und Künstler miteinzubeziehen.»

Über das Wetter reden

«Lesungen sind ein Luxus und eine sehr deutsche Angelegenheit», eröffnete Peter Bichsel seine Lesung. Einst hatte er beschlossen, nur noch in Buchhandlungen zu lesen. Dieses Versprechen musste er zurückziehen, da es ja immer weniger Buchhandlungen gibt. Ein Glück für die Zuhörerinnen und Zuhörer an diesem Abend, denn der Autor las acht Kurzgeschichten vor, die letztes Jahr im seinem Band «Über das Wetter reden» erschienen sind. Eine Geschichte sammelt die Gedanken und die Eindrücke eines Zugpendlers, sprunghaft und dennoch spannend erzählt. Eine andere Geschichte erzählt von Klein-Peter, der den Stier, auf den er aufpassen muss, fürchtet und um den er dennoch bitterlich weint, als er ihn zum Schlachthof führen muss. In anderen Erzählungen spielen Voltaire, Raymond Broger, Niklaus Meienberg oder der Hafen in der Hauptstadt Bern eine Rolle. Peter Bichsel verwöhnte sein zahlreich erschienenes Publikum. Macht ist ein wiederkehrendes Motiv in den Prosageschichten des Schillerpreisträgers. In einer Demokratie erklären die Mächtigen den Ohnmächtigen die Macht. Jede Macht ängstigt und jede Macht lebt von der Angst, die sie verbreitet. Gerne nimmt Peter Bichsel die Menschheit auch einmal nicht ganz so ernst: «Wir schauten an den Rand des Randes und hielten ihn für die Welt.»

Im Alltäglichen das Essenzielle

Andächtig lauschte das Publikum, als er erzählte, dass er mehr als dreissig Jahre lang mit dem Zug von Solothurn nach Biel gefahren sei. Jeden Donnerstag, Woche für Woche. Er besuchte einen guten Freund. Als dieser starb, bereiste er diese Strecke nicht mehr. Und auch die gemeinsame Sprache hatte sein Freund mitgenommen. So sei es ihm auch nach dem Tod seiner Frau Therese ergangen: «Die Toten nehmen die Sprache, die man mit ihnen gesprochen hat, mit ins Grab.» Sein Freund Max Frisch habe ihn einmal gefragt, ob er wolle, dass die Verstorbenen zu ihm sprechen, oder ob er den Verstorbenen etwas sagen möchte. Ihnen etwas sagen, war damals seine Antwort. Liebevoll wiedergab er den Dialog mit einem vierjährigen Buben. Dieser fragte ihn, ob er ein alter Mann sei. Peter Bichsel bejahte dies und fügte hinzu: «Und du bist ein junger Mann.» Nein, er sei ein junger Bub, korrigierte ihn dieser. Er ist jung und ich bin alt, so die Überlegung des 81-jährigen Autors. Dieses unsägliche Denken in Gegenteilen – ob er nun, einmal jung gewesen und nun alt geworden, sein Gegenteil geworden sei? Ob das Gegenteil von einem Schweizer ein Ausländer sei? Warum muss das andere immer das Gegenteil sein? Und was ist denn eigentlich das Gegenteil des Matterhorns? Das Publikum musste schallend lachen. Wir sogenannten Erwachsenen, so sein Fazit, retten uns immer wieder in Gegenteile.

Peter Bichsel versteht es wie kaum ein anderer, im Alltäglichen das wirklich Wichtige des Lebens zu beschreiben. Am vergangenen Freitag hat er das Publikum in Zollikon daran teilhaben lassen und es zum Nachdenken und Überdenken angeregt – ein gelungener Auftakt zu einem vielversprechenden Kulturwochenende. (ft)