06/2016 Grosses Herz für die Kleinen

Grosses Herz für die Kleinen

Im vergangenen August hat Léa Hochstrasser die Praxis am Dufourplatz übernommen. Die junge Ärztin tritt in die Fussstapfen des langjährigen Zolliker Kinderarztes Christian Issler.

Es ist die Zeit des Bangens und Hoffens. Im Februar, wenn die Grippesaison ihren Höhepunkt erreicht und die Sportferien anstehen, sind viele Eltern in Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder. Bleiben wir gesund, können die geplanten Ferien tatsächlich angetreten werden? Léa Hochstrasser lacht, wie sie es in der nächsten Stunde unseres Gespräches noch oft tun wird: herzhaft und über das ganze Gesicht strahlend. Würde nicht bereits die Morgensonne ihre hell und liebevoll eingerichtete Praxis am Dufourplatz erleuchten, so wäre es die junge Kinderärztin selbst, die den Raum glänzen lässt. Die Freude an ihrem Tun ist sofort spürbar, noch bevor die 35-Jährige davon zu erzählen beginnt. «Über zu wenig Arbeit kann ich mich tatsächlich nicht beklagen», meint sie in ihrem leicht französischen Akzent, der perfekt zur sympathischen Erscheinung passt, Erkältungen und Grippe würden derzeit wirklich etliche Kinder ins Bett zwingen.

Im letzten Sommer übernahm die gebürtige Lausannerin die Praxis von Kinderarzt Christian Issler, der nach über 33 Jahren in den Ruhestand getreten ist. Damit erfüllte sich die Mutter eines zweijährigen Sohnes einen Traum, der sich bereits in den Anfangsjahren ihres Medizinstudiums abzeichnete. «Eine eigene Praxis zu haben, war früh mein Ziel», sagt sie, und danach richtete sie auch ihre Ausbildung aus: Nebst der allgemeinen Pädiatrie arbeitete die junge Ärztin in der Kinderchirurgie, der Kinderpsychiatrie sowie auf der Neonatologie verschiedener pädiatrischer Spitäler in der Welsch- und der Deutschschweiz. Ihr letztes Ausbildungsjahr absolvierte Léa Hochstrasser in einer Kinderarztpraxis in Schwamendingen sowie einer Grupppenpraxis in der Stadt Zürich. Dort hat sich ihr Wunsch nach einer Praxistätigkeit gefestigt, hat sie gemerkt, was ihr in den Spitälern am meisten gefehlt hat: Zeit für ihre Patienten zu haben, Zeit für die Kinder also. «In den Spitälern ist man fokussiert auf das Hauptproblem, auf den Notfall», erklärt sie,  «in einer Praxis wird das komplette Umfeld miteinbezogen, das Kind in seiner ganzen Entwicklung erfasst.» Und das war es, was sie wollte, was sie schon immer angetrieben und ausgemacht habe. Sie sei ein ausgesprochener Familienmensch und eine Menschenfreundin, offen und interessiert an verschiedenen Kulturen und Sprachen, stets fasziniert von den unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und Denkmustern einer jeden Person. Wäre sie nicht Kinderärztin geworden, dann vielleicht Lehrerin, meint sie lachend: «Auf jeden Fall etwas, das mit Menschen zu tun hat!»

Bunt dank Mehrsprachigkeit

Dass die Westschweizerin eine Polyglotte ist, liegt schon fast auf der Hand. Nebst Französisch und Deutsch spricht Léa Hochstrasser auch fliessend Englisch und Spanisch. Letzteres dank ihrem Mann, der ebenfalls aus der Romandie stammt und mexikanische Wurzeln hat. Sie selber ist französischsprachig aufgewachsen, und das obwohl ihr Vater Deutschschweizer ist. «Erst mit seinem Enkel spricht er Schwizerdüütsch», sagt sie amüsiert, «ich wusste lange nicht, dass er das so gut kann.» Ihr Sohn Matteo wächst viersprachig auf – im Hause Hochstrasser wird Französisch und Spanisch gesprochen, in der Krippe kommen noch Deutsch und Englisch dazu. «Ein Glückspilz», findet die Maman und erzählt die Anekdote, wie sie einst bei der Morgenvisite von der Schildkröte anstelle der Schilddrüse gesprochen habe. «Sprachenvielfalt macht das Leben doch erst richtig bunt!» Sie habe stets gute Erfahrungen gemacht, selbst wenn nicht immer alles richtig ausgesprochen oder benannt wurde. Besonders die Deutschschweizer seien hierbei sehr tolerant, findet sie, und verglichen mit Westschweizer Spitälern bezeichnet sie das hiesige Arbeitsklima als das bessere. «Das Konkurrenzdenken ist weniger ausgeprägt, der Bezug zum Chefarzt enger.»

Teilhaben an gesundheitlicher Entwicklung

Im Zollikerberg half Léa Hochstrasser vor drei Jahren beim Aufbau der Kinderpermanence des Spitals Zollikerberg mit. Bereits vor deren Eröffnung war die Ärztin am Mitwirken, kümmerte sich um die Organisationsstrukturen und das Team. Die Arbeiten bereiteten ihr Freude, doch war der Betrieb einmal angelaufen, merkte sie bald wieder, dass ihr die Notfälle zu viel, die Vorsorgeuntersuchungen zu wenig sind: «Ich wollte die Kinder auch dann sehen, wenn sie gesund sind, ihre Entwicklung mitbekommen, eine Beziehung zu ihnen und ihren Familien aufbauen können.» Ihr Ziel vor Augen, besuchte sie zu jener Zeit bereits Praxiseröffnungsseminare. An einem solchen lernte sie Christian Issler kennen, der sie alsbald über die Absicht seines Ruhestandes ins Bild setzte. Der Kontakt zwischen den beiden blieb und kurz nach der Geburt ihres Sohnes wirkte die junge Mutter in einem Teilzeitpensum in der Praxis am Dufourplatz mit. «Das Timing war perfekt», schwärmt sie, sowohl von der langjährigen Erfahrung Isslers habe sie profitieren wie auch dessen Patienten kennenlernen können, «eine Win-win-Situation für alle.» Im April letzten Jahres erfolgte der Umzug nach Zollikon, zuvor hatte sie bereits einige Jahre in Zürich gewohnt. Die Gemeinde vergleicht Léa Hochstrasser mit ihrem Dorf Le-Mont-Sur-Lausanne, stadtnah und doch mit dörflichem Charakter, «ein wahres Bijou eben!»

Seit sie Mutter sei, sehe sie gewisse Sachen deutlich anders, sagt Léa Hochstrasser und lacht: «Theorie und Praxis sind Welten.» Über das Erdulden der Trotzphasen, die Wichtigkeit eines Einschlafrituals oder nächtliche Hungerattacken könne sie als Ärztin noch so referieren, erst wer sie selber durchgemacht habe, wisse wirklich um deren Bedeutung. «Ich glaube, dass ich meinen Patienten noch näher bin», freut sich die Kinderärztin. Ebenso schön sei es aber, den Arztkittel abzulegen und zuhause Mutter zu sein: Denn für Matteo sei sie einfach «Maman».

Ob Beruf oder Familie, beim Treffen mit der jungen Zolliker Kinder- und Schulärztin wird schnell klar: Ihr Herzblut steckt in beidem. (mmw)