01/2016 Im Dienst des Zuschauers

Im Dienst des Zuschauers

Die Kamera gehört zu Reto Brennwald wie die Fragen zum Interview. Der ehemalige SRF-Moderator und Reporter hat sich vor wenigen Monaten selbstständig gemacht, um seine Erfahrungen vor und hinter der Kamera auch als Filmemacher und Medientrainer weiterzugeben.

Dieser Seitenwechsel muss ungewöhnlich für ihn sein. Normalerweise ist er es, der seinem Gegenüber spannende Statements entlocken, gehaltvolle Aussagen hören und tiefe Einblicke erhalten will. Als Interview- und Diskussionsleiter führte Reto Brennwald jahrelang durch hochkarätige Wirtschafts- und Politveranstaltungen. Wer in der Schweiz etwas zu sagen hat, der sagte es bestimmt bereits einmal ins Mikrofon des 52-jährigen Zollikers. Soll hingegen er Red und Antwort zu seiner Person stehen, erlebt man den für seine hartnäckigen Fragen bekannten Moderator ruhig und zurückhaltend. Lieber stellt er Erlebnisse und Begegnungen in den Vordergrund als sich selber. Doch auch das hat mit seiner Professionalität zu tun. «Als Moderator habe ich immer versucht, mich in den Dienst der Sache beziehungsweise des Zuschauers zu stellen», sagt er. «Ich als Person war nicht wichtig, was zählt, sind die Fragen des Zuschauers, die am Ende der Sendung beantwortet sein sollten.»

Seine ersten Gehversuche bei den Medien machte Reto Brennwald während seines Studiums als freier Mitarbeiter bei einem Jugendradio. Am Mikrofon fühlte sich der neugierige junge Mann bereits damals pudelwohl. Er habe eine gute Stimme für das Radio, sei ihm häufig gesagt worden. Bald erhielt er eine Festanstellung bei Radio DRS als Reporter und mit ihr verschiedenste Sendungen, deren Moderation er übernahm. Mit 26 folgte ein Auslandjahr in San Francisco zur Verbesserung seiner Englischkenntnisse. «Getreu dem amerikanischen Lebensgefühl zog es mich anschliessend nicht zurück zum Staatsradio, sondern zum Privatradio 24», blickt er zurück. Dieser Entscheid sollte wegweisend werden für den weiteren Verlauf seiner Karriere. Als Medienpionier Roger Schawinski bald darauf den Privatfernsehsender Tele Züri gründete, zog er seinen Redaktor und Moderator in dieses Pionierprojekt mit ein. «Dies war der Startschuss für alles, was ich später im Fernsehen machte. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen und musste schwimmen lernen, mir das Knowhow des Filmemachers, Produzenten und Fernseh-Journalisten aneignen, denn es galt alles zu beherrschen.» Und dass er das konnte, zeigte sich schnell.

Nachrichten sind wie Nahrung

Nach drei Jahren folgte der Wechsel zum Schweizer Fernsehen, für das er 17 Jahre lang als Redaktor und Moderator wirkte. Als «Rundschau»- und «Arena»-Moderator brachte Reto Brennwald den Zuschauern die hiesige Politik, als Reisereporter der Sendungen «Reporter» und «Panamericana» fremde Länder in die Stube. Die Zeit als Arena-Moderator bezeichnet er als die interessanteste, weil sie ihm erlaubte, immer im Zentrum der Politik zu sein, brandaktuell und live, ohne die Dynamik der Sendung im Voraus zu kennen. «Politik ist meine grosse Leidenschaft», sagt er und bezeichnet sich als Liberaler im bürgerlichen Sinn. «Die vielen Diskussionen haben mir geholfen, mein eigenes politisches Koordinatensystem zu entwickeln.» Zu wissen, wo er selber steht, bezeichnet der Journalist als wichtig, um die Argumente seiner Gesprächspartner richtig einordnen und sie zur Diskussion stellen zu können. Stets auf dem Laufenden zu sein, empfand Reto Brennwald nie als Druck, zu seinen Stärken zählt er denn auch seine Gelassenheit. Natürlich sei der Nachrichtenkonsum als Arena-Moderator hoch gewesen, die Tage begannen mit Zeitungslesen und hörten frühestens mit der Nachrichtensendung 10-vor-10 auf, dazwischen wurden die Online-Portale durchforstet und weitere Sendungen konsumiert. «Nachrichten sind für mich wie Nahrung», sagt er und lacht herzhaft.

In der Privatwirtschaft gefragt

Angesprochen auf sein eindrücklichstes Erlebnis während all seiner Begegnungen im In- und Ausland erzählt Reto Brennwald von einem Treffen in Abu Dhabi, wo er eine Geschichte drehte über einen Erziehungsminister und hochgestelltes Mitglied der Königsfamilie. Entstanden ist das Porträt im Rahmen der Sommerserie «Einmal im Leben», bei welcher die Moderatoren einem bis anhin unverwirklichten Wunsch nachgegangen sind. «Tausendundeine Nacht und der Orient hatten mich schon immer fasziniert», erzählt der Reporter, doch was er in den arabischen Emiraten erlebt habe, habe seine Vorstellung bei Weitem übertroffen. «Dieser Reichtum, diese Lebensweise ist unglaublich», und ein dabei auch spontan stattfindendes Treffen mit dem damaligen pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf sei ihm surreal vorgekommen. Überrascht habe ihn aber vor allem die Einstellung des Scheichs, der zusammen mit westlichen Professoren – darunter vielen Frauen – zahlreiche Universitäten baue, um in die Bildung zu investieren. «Seine Einstellung, dass es beim Reichtum nicht um Bodenschätze gehe, sondern darum, was die Menschen daraus machten, erinnerte mich an die Schweiz: Auch wir sind nur so weit gekommen, weil wir gezwungen wurden, eine Alternative zu finden.»

Eine Alternative suchte sich auch der Wahlzolliker, der seit acht Jahren zusammen mit seiner Frau Maja und seinem 11-jährigen Sohn Noah in der Gemeinde lebt. «Ich merkte, dass meine Erfahrungen als Filmemacher, Moderator oder Medientrainer in der Privatwirtschaft gefragt sind.» Aus diesem Grund entschied sich der Generalist letzten Frühling für die Selbstständigkeit. Dass der Entscheid richtig war, zeigt ein Blick auf seine Engagements als Moderator von verschiedensten Anlässen wie den Consulting Days an der Hochschule St. Gallen, der Handelstagung über die Zukunft des Schweizer Detailhandels oder der sonntäglichen Sendung BAZ-Standpunkte auf SRF 1. Dazu kommen Einsätze als Rhetorik-Coach und Filmproduzent, und auch die nächste Reise steht bereits an: Ende Jahr leitet Reto Brennwald auf einer Antarktisreise täglich Talks an Bord des Expeditionsschiffes Bremen. Mit an Bord als Experte ist auch der bekannte Astronaut und Astrophysiker Claude Nicollier. «Diese Reise wird bestimmt einer meiner Höhepunkte in diesem Jahr», freut er sich. Sagt’s als Reisejournalist, um sich gleich darauf aus Sicht des Politexperten am meisten darüber zu freuen, dass die Konkordanz im Bundesrat nun wieder hergestellt sei. (mmw)