44/2015 Adieu Energiestadt, willkommen Solarstrom

Adieu Energiestadt, willkommen Solarstrom

Bekanntlich hat das kantonale Tiefbauamt in Zumikon eine Lärmschutzwand an der Forchstrasse erstellt, die seit diesem Jahr dank einer Photovoltaikanlage Solarstrom produziert. Das Projekt wird von der Gemeinde Zumikon unterstützt. Jetzt plant die Gemeinde, das Label Energiestadt aufzugeben. Ein Widerspruch?

Zumikon wird weiterhin energiesparende Massnahmen fördern und unterstützen, erklärt der zuständige Gemeinderat Stefan Bührer. Aber im Rahmen der Sparmassnahmen habe der Gemeinderat beschlossen, der Gemeindeversammlung zu empfehlen, das Label Energiestadt aufzugeben. Dieses muss nämlich alle vier Jahre neu zertifiziert werden, was jeweils Kosten in der Höhe von 25’000–30’000 Franken verursacht. Da mit dieser Rezertifizierung keine Energie gespart wird, ist der Gemeinderat der Meinung, dass auf das Label in Zukunft verzichtet werden soll. Zudem zeige sich eine Tendenz, dass Massnahmen nur des Labels willen ergriffen würden. Und gegenüber dem Nutzen einzelner Massnahmen habe der Gemeinderat Vorbehalte. Was weiterhin gemäss Stefan Bührer bleibt, ist die Energieberatungsstelle. Bürger, die an Liegenschaften Energiesparmassnahmen ergreifen wollen, werden auch in Zukunft die ersten zwei Stunden Beratungsgespräch gratis erhalten. Denn selbstverständlich achte der Gemeinderat auch ohne Label darauf, dass man bewusst mit Energie umgehe. Deshalb werde Zumikon auch in Zukunft zum Beispiel auf LED-Licht bei der Strassenbeleuchtung setzen. Und Gemeinde-Liegenschaften bei Bedarf energiesparend sanieren. Oder Projekte wie die Solarstrom-Lärmschutzwand prüfen und gegebenenfalls fördern.

Lärmschutzwand mit Doppelfunktion

Wer auf der Forchstrasse durch Zumikon fährt, sieht sie auf den ersten Blick: die rund 300 Meter lange Photovoltaikanlage der Lärmschutzwand Leugrueb. Seit Anfang 2015 produzieren 342 Photovoltaikmodule Solarstrom. Besitzerin und Betreiberin der Anlage ist die Zürichsee Solarstrom AG. Entstanden ist sie zusammen mit der Gemeinde Zumikon und dem Kanton Zürich. Als die Sanierung der Lärmschutzwand Leugrueb durch den Kanton Zürich anstand, brachte Zumikon die Idee ein, eine Kombination mit einer Solarstromanlage zu prüfen. Nachdem das kantonale Tiefbauamt das Anliegen positiv beurteilt hatte, folgte die Suche nach einem Partner für die Umsetzung. «Da der Kanton Zürich als Eigentümerin der Lärmschutzwand nicht selber eine Photovoltaikanlage betreiben wollte, wurden für die Realisierung und den Betrieb der Anlage mehrere mögliche Anbieter durch die Gemeinde Zumikon angefragt. Wir erhielten den Zuschlag und haben heute einen unbefristeten Nutzungsvertrag für die entsprechenden Abschnitte der Lärmschutzwand», erinnert sich Thomas Nordmann, Mit-Gründer und VR-Präsident der Zürichsee Solarstrom AG.

Solarstrom für die Gemeinde

Der produzierte Solarstrom fliesst ins Netz der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, welche für den nutzbaren Strom einen Beitrag zahlen. Die Mehrkosten des Solarstroms – verglichen mit konventionell produziertem Strom aus Gas- oder Kernkraftwerken – sind damit aber noch nicht abgegolten. Diesen ökologischen Mehrwert kauft Zumikon der Anlagenbesitzerin in den ersten Jahren ab. Mit dieser Zusage ermöglichte Zumikon den Bau der Lärmschutzwand-Solaranlage und bezieht lokal produzierten Solarstrom. So wertet die Gemeinde den allgemeinen Strommix mit ökologisch und lokal produzierter Solarenergie auf, was auch einem Ziel der Energiestrategie 2050 des Bundes entspricht.

Genug für 22 Haushalte

Die Anlage ist direkt in das Bauwerk der Lärmschutzanlage integriert. In nur drei Wochen konnte sie im Herbst letzten Jahres gebaut werden. Sie wird jährlich rund 90’000 Kilowattstunden Strom produzieren. Dies entspricht ungefähr dem Verbrauch von 22 Haushalten. «Man stelle sich vor, mit einem Elektroauto könnte man damit etwa 10 Mal um die Welt fahren», freut sich Stefan Bührer über den guten Ertrag. Wenn das nicht eine Win-win-Situation ist! (wn)