31/32/2015 «Mehr Daniel-Düsentrieb-Geist ins Land»

«Mehr Daniel-Düsentrieb-Geist ins Land»

In Zollikon werden keine fremden Herren geduldet: Die 1.-Augustrede wird Jahr für Jahr traditionsgemäss von Einheimischen gehalten. Dieses Jahr spricht der Zolliker Philosoph Ludwig Hasler.

Mit Ludwig Hasler sprach Dominique Bühler

Was bedeutet Ihnen der 1. August?

Ich mag Rituale. Bratwürste, Kinder mit Lampions, den Schweizerpsalm, die Höhenfeuer. Zwischendurch die Rede: Nachdenken über uns, über die CH-Sippe 2015. Bundesfeiern spiegeln die Vielfalt des Landes. Letztes Jahr sprach ich in der Stadt Zug, das war ein Open Air mit 4000 Leuten. 2013 redete ich in Raperswilen über dem Bodensee, ein Waldfest mit 45 Leuten. 1.-Augustreden sind der Härtetest. Nirgendwo sonst ist das Zielpublikum so bunt gemischt, nirgendwo sonst muss man die Gedanken so lebhaft führen, dass sie dem Gegengewicht der herumspringenden Kinder, abgehenden Raketen und Knallpetarden gewachsen sind. Schafft man das, wird es ein Fest. Morgen wird mein Dutzend an Augustreden voll.

Die Schweiz gilt weltweit als Paradies – Zollikon ganz besonders. Sehen Sie dies auch so?

Sicher. Wir führen hier ein fabelhaft angenehmes Leben. Ich geniesse dies – und sehe auch die Schatten im Paradies: Wer so viel hat, hat auch viel zu verlieren. Und wenig dazuzugewinnen. So wächst die Furcht vor Verlusten – und die Lust auf Veränderung sinkt. Logisch, dass wir zwar alles wollen, bloss keine Veränderung, oder? Aber macht das glücklich? Die Schweiz ist ja – im Urteil der Ökonomen – das glücklichste Land der Erde. Sehen wir auch danach aus? Sind wir vergnügt? Neugierig? Risikofreudig? Na ja, mal so, mal so, wir sehen es morgens im Spiegel. Wohlstand macht satt, aber nicht automatisch glücklich. Auch Eva und Adam langweilten sich im Paradies, warum sonst hätte Eva in den Apfel gebissen, sie wollte da raus.

Was also tun, um das Glück zu finden, ohne das Paradies zu verlassen?

Es ist gar nicht so einfach, den Wohlstand zu wahren. Wer bequem wird, verschläft leicht Entwicklungen. Die jagen sich ja in stets rasanterem Tempo. Dabei gilt: Entweder wir werden besser oder andere werden besser als wir. Ungemütlich? Ja. Doch als Schweizerinnen und Schweizer haben wir prima Voraussetzungen. Als voralpine Kleinbauern lernten wir über Jahrhunderte Fleiss, Robustheit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit – und vor allem: uns selbst zu helfen.

Überdies haben wir eine sagenhafte Natur: Berge, Flüsse, Seen, vier Jahreszeiten, reichlich Wasser – ein Glücksfall, der nebenbei auch die cleversten Leute aus aller Welt ins Land lockt. Auch weil wir die Schönheit der Landschaft mit dem Ruf der Freiheit füllten. Andere Länder leben von Bodenschätzen, bei uns ist nichts unter dem Boden. So lernten wir, uns selbst zu helfen. Von da kommt es, dass wir Gefallen gefunden haben an der Freiheit.

Gratis ist Freiheit nie. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Gilt das noch? Oder lassen wir uns lieber in allen Lebenslagen helfen? Vom Staat? Beim kleinsten Problem rufen wir: Schläft die Politik? Was tut der Bund? So machen wir uns selbst abhängig, da brauchen wir keine fremden Richter.

Ist Unabhängigkeit überhaupt noch realistisch? Sind wir nicht sowieso mit allen verknüpft?

Doch. Trotzdem ist Unabhängigkeit nicht bloss ein alter Zopf. Wir müssen uns allerdings klar machen, dass Unabhängigkeit nicht einfach eine politische Forderung ist, sondern vor allem eine Frage unserer wirtschaftlich-technologischen Wettbewerbsfähigkeit. Heroische Rhetorik bringt nichts, der Retroboom im Schweizer Fernsehen ebenso wenig. Ich bin auch gern am Schwingfest. Den Rest der Welt lässt das kalt. Wir müssen uns dort qualifizieren, wo die internationale Konkurrenz ist, vor allem technologisch. Nur wer da zu den Besten zählt, kann sich Unabhängigkeit und Selbstbestimmung leisten. Und da gibt es noch einiges zu tun.

Wie stellen Sie sich das vor?

Wir müssen vor allem mit unserer Bildung im 21. Jahrhundert ankommen, mit kräftigen Akzenten auf Mathematik und Informatik. Wir sind erst am Anfang der Digitalisierung unserer Welt. Die Weltsprache wird weder Englisch noch Chinesisch sein, die Partitur dieser neuen Welt schreibt die Informatik. Unser Leben wird immer entschiedener durch Algorithmen gesteuert. Die grosse Rechenmaschine lenkt uns – lassen wir uns gängeln? Zur Mündigkeit gehört, dass wir eine Ahnung davon haben, was uns steuert. Noch besser wäre, wenn wir die Steuerung selbst programmieren könnten. Also muss die Schule sich ernsthaft mit Informatik beschäftigen. Das gehört direkt zum Schweizer Freiheitskonzept.

Das ist mehr als ein intellektuelles Pensum, es ist eine Frage der Mentalität: Wie sind wir evolutionär drauf? Haben wir etwas vor? Sind wir «zukunftslustig»? Sind wir noch so robust wie am Morgarten? 40 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen sagen, sie seien «erschöpft», 300 000 nahe am Burnout. An der Arbeitslast kann das nicht liegen. Meine Eltern rackerten ein Vielfaches – und waren stets bei Laune. Werden wir doch etwas wohlstandsfaul? Fehlt uns eine inspirierende Zukunft? Ein begeisterndes Projekt?

Sehen Sie eines?

Die Energiewende könnte so ein Jahrhundertprojekt werden. Bloss anders, als sie grad unterwegs ist. Es taugt wenig, das Land mit verfügbaren Techniken für erneuerbare Energien zu überziehen, wir müssen technologisch aufdrehen, neue Technologien erforschen, etwa Bioenergie aus Algen, Verkehr auf Magnetbahnen. Vorwärts- statt Retromentalität. Mehr Daniel-Düsentrieb-Spirit ins Land! Da muss der Geist der Unabhängigkeit sich einnisten. Wir müssen technologisch unwiderstehlich werden.

Ohne auf Klimawandel und Überbevölkerung einzugehen, sehe ich, dass Sie optimistisch sind, dass wir die Probleme lösen und unser Land gut über die Runden bringen werden, wenn wir uns anstrengen. Wie sieht es mit dem Glück aus – finden wir auch dieses?

Bin ich optimistisch? Weil ich Pessimismus unfruchtbar finde? Ohne Zuversicht kein Vorwärtsdrang. Glück? Mit dem Glück ist es so eine Sache. Wer es nur für sich verfolgt, verpasst es am sichersten. Glück lebt von «Kohärenzgefühlen», sagt die Forschung: Es stellt sich ein, wenn wir an einer Sache mitwirken, die grösser und bedeutender ist als die eigene Person. Geht ganz einfach: Die pensionierte Ärztin kümmert sich sporadisch um zwei Immigranten-Schüler. Handelt sie moralisch? Sie handelt klug. So kommt Sinn in ihr Leben, sie tut etwas für die Jungen, also für die Zukunft, für die Schweiz, für die Welt.

Genauso könnten wir als Schweiz handeln. Ich nenne es «reziproken Egoismus»: dass wir uns um andere kümmern, jedoch weniger aus hochherziger Moral, eher aus klugem Eigennutz. Schlicht darum, weil wir besser in Form kommen, wenn andere in Form sind.

Wäre das ein Vorsatz für den 1. August: seinen reziproken Egoismus stärken?

Wäre prima. Die Schweiz ist ja – wie jede Gesellschaft – eine Art Resonanztheater. So wie wir über die Bühne gehen, vergnügt oder miesepetrig, so tönt es zurück. Es ist also jede und jeder zuständig für den «Geist» in Zollikon und im Land insgesamt. Und da wir zahllose Gründe haben, bester Laune zu sein, könnten wir spätestens beim Singen des Schweizerpsalms mit dem reziproken Egoismus beginnen und andere anstecken mit Zukunftslust, mit innovativem Geist, mit evolutionärem Drive.

Programm Bundesfeier auf der Allmend

18.00 Uhr      Festwirtschaft mit Banis Partyservice und der Kapelle Andi Brunner

20.15 Uhr      Alphornbläsergruppe der Stadtzürcher Alphornbläservereinigung

20.40 Uhr      Lampionumzug für die Kinder

20.45 Uhr      Eröffnung der offiziellen Bundesfeier durch die Gemeindepräsidentin

                           Festrede von Dr. Ludwig Hasler

21.30 Uhr      Höhenfeuer; Musik und Tanz mit der Kapelle Andi Brunner