19/2015 Er bringt den Broadway nach Zürich

Er bringt den Broadway nach Zürich

Der gebürtige Zolliker Hans Ueli Schlaepfer hat seine grosse Leidenschaft zum Beruf gemacht und ist heute selbstständiger Musiker und Klavierlehrer.

Aufgewachsen in Zollikon, liess sich Hans Ueli Schlaepfer nach Gymnasium und Oberseminar zum Primarlehrer ausbilden und unterrichtete einige Jahre. Es folgten drei Jahre in Boston, wo er sich seinen grossen Wunsch, Klavier zu studieren, erfüllte und am «Berklee College of Music» ein Jazzklavierstudium absolvierte. Wieder in der Schweiz verlegte er seinen Wohnort ins Seefeld, spielte in verschiedenen Bands und gründete aus Freude am Singen mit seinen beiden Schwestern die Formation «Family Affair». Einige Zeit darauf folgte der Umzug zurück nach Zollikon, wo er im Haus seiner Grosseltern zusammen mit seiner Schwester und Freunden eine Wohngemeinschaft gründete, der auch Komponist und Saxophonist Daniel Schnyder angehörte. Noch heute wohnt der Musiker dort mit seiner Schwester und ihrer Familie: «Das ist wunderbar, ich habe einen Arbeits- und Übungsraum und kann meine Schüler und Schülerinnen der Musikschule Zollikon auch zu Hause unterrichten.» Als Musiklehrer erteilt Hans Ueli Schlaepfer etwa zehn Wochenlektionen.

Wie am Broadway

Seit 1998 ist Hans Ueli Schlaepfer aber nicht nur als Unterrichtender in der Musikbranche aktiv: Damals arbeitete er das erste Mal bei einer Produktion der «Shake Company» im Theater Stok mit, bereits im folgenden Jahr übernahm er die musikalische Leitung der Produktion „Pornissimo“. Seit zehn Jahren produziert er in dieser Funktion jeden Frühling ein Musical oder einen Liederabend für das Theater am Hechtplatz. Bei der aktuellen Produktion, dem Musical «Ost Side Story», handelt es sich um eine Uraufführung. Die letzten fünf Monate waren intensiv: «Ich habe an der Musikschule für dieses Projekt Urlaub nehmen können und wurde tatsächlich einige Male gefragt, ob ich erholsame Ferien verbringen würde», schmunzelt der Musiker und trinkt einen Schluck von seinem Cappuccino. Ein befreundetes Regisseurenpaar habe ihm einmal gesagt, es gäbe zwei Arten erfolgreicher Regieführung. Die eine sei, mit Druck zu arbeiten, an die Grenzen zu gehen. Von dieser Form höre man oft. Die andere Art bestehe darin, eine verschworene Gemeinschaft zu bilden. «Bei „Ost Side Story“ ist definitiv und glücklicherweise Letzteres der Fall», meint der 59-Jährige lachend. Das Klima sei wirklich toll, selbstverständlich fordernd, aber dies mache ja die Faszination aus. «Auf alle Fälle fägt’s und man trifft uns nach den Aufführungen in der Bar oder draussen, wir trinken immer noch etwas miteinander, es ist einfach durchs Band lässig!», schwärmt der Künstler. Wie bei den grossen Broadwayproduktionen hat auch das Theater am Hechtplatz für das neue Stück «Ost Side Story» sogenannte «Try Outs» festgesetzt. Dies sind Aufführungen, für die Tickets zu vergünstigten Konditionen zu kaufen sind und die vor der eigentlichen Premiere stattfinden. Sie sind quasi Hauptproben mit Publikum vor der ersten Aufführung und sind dazu da, den Spielrhythmus zu finden sowie die Reaktionen des Publikums zu testen, um so allenfalls noch Änderungen oder Verbesserungen vornehmen zu können. «Wir haben bis zu den «Try Outs» im leeren Theater geprobt und es ist jedes Mal wieder anders, wenn dann in den Reihen Publikum sitzt, das reagiert und lacht», erklärt der kreative Kopf.

Bemerkenswerte Vielseitigkeit

Früher war die Musicalszene in der Schweiz sehr klein, ja nahezu inexistent. Inzwischen gibt es zahlreiche Darstellerinnen und Darsteller mit einer entsprechenden Ausbildung, was nicht nur die Qualität der Aufführungen erhöht, die Zuschauenden sehen auch vertraute Gesichter auf der Bühne. «Als musikalischer Leiter und Verantwortlicher für die Band arbeite ich gerne mit Musikern und Musikerinnen, mit denen ich schon einmal erfolgreich zusammengearbeitet habe», meint Hans Ueli Schlaepfer, «so ist auch eine Art Hausband für das Theater entstanden.» «Bye Bye Bar», «Elternabend», «Camping Camping», «Little Shop of Horror» und der Broadway-Grosserfolg «Monty Pythons Spamalot» – sein Repertoire ist beeindruckend. Er leitet die Zürcher Gruppe «Swisspäck», drei Sänger mit einer swingenden, kleinen Bigband. Mit «Monty Pythons Spamalot» ging Hans Ueli Schlaepfer nach Hamburg, die Aufführungen fanden auf der Bühne des St. Pauli Theaters statt. Diesen Sommer folgen drei Wochen in München am Deutschen Theater mit diesem Stück. Ebenso wurde mit «Wanderful» mit Gardi Hutter, Sandra Studer und Michael von der Heide durch die Schweiz getourt. Auf die Frage hin, ob bei all diesen Engagements und Verpflichtungen auch Zeit für Freizeitbeschäftigungen bleibe, bemerkt Hans Ueli Schlaepfer, dass er eigentlich keine Hobbys habe. Er bewege sich sehr gerne, sei immer mit dem Velo unterwegs, aber seine Leidenschaft sei das Musikmachen und diese Passion habe er zu seinem Beruf gemacht. «Aber», so der Zolliker, «ich habe eine kleine, grosse Liebe zu Barcelona und dort eine eigene Wohnung. Dies ist für mich ein toller Rückzugsort und ich kann dort auch arbeiten, da ein Klavier vorhanden ist.» Hans Ueli Schlaepfer ist nicht nur ein Musik-, sondern auch ein Sprachtalent, er spricht nebst Englisch und Französisch auch fliessend Spanisch. Auf die abschliessende Frage, ob er nach all den Jahren vor den Aufführungen noch nervös sei, antwortet er ohne zu zögern: «Aber klar, ich bin jedes Mal nervös und das ist auch gut so!» (ft)