12/2015 Seelsorger mit Kopf und Herz

Seelsorger mit Kopf und Herz

Pfarrer Thomas Koelliker wird pensioniert. Noch in diesem Monat wird er aus dem Pfarrhaus am Weiherweg ausziehen, am 29. März zum letzten Mal in seiner Kirche im Zollikerberg predigen. Zeit, gemeinsam mit ihm innezuhalten, um den Blick rück- und vorwärts schweifen zu lassen.

Zwanzig Jahre war Thomas Koelliker Pfarrer im Zollikerberg. Nach seinem Theologiestudium in Zürich und Tübingen, nach dem Praktikum am St. Peter in Zürich, Religionsunterricht am Freudenberg und Pfarrämtern in Fällanden und Weiach kam er mit 45 Jahren ganz unkonventionell hierher. „Ich hatte mich mit einem A4-Blatt beworben“, schmunzelt er, „und vorgeschlagen, die Zolliker Pfarrwahlkommission solle sich doch einfach in Weiach, im Gefängnis Dielsdorf oder im Militär erkundigen. So erführen sie am besten, ob ich passen würde.“

Die Pfarrkommission schlug damals ein solches Verfahren aus, lud ihn aber auf Vorschlag von Martin Hübner, der Koelliker einmal im Militär gehört hatte, zu einer Gastpredigt ein. Und diese überzeugte. Überzeugte wie wohl alle Predigten, die Thomas Koelliker hielt. Spricht er doch niemals hoch von der Kanzel herab; vielmehr verwickelt er seine Zuhörerschaft auf Augenhöhe in interessante Auseinandersetzungen mit biblischen Texten. Nie lässt er einen Text einfach stehen. Er hinterfragt ihn, überlegt, wie die Umstände waren, sucht nach möglichen Deutungen, wägt ab, verwirft, zieht philosophische Theorien hinzu oder aktuelle Schriftsteller und regt so die Kirchgemeinschaft zum Mitdenken an.

Er will es genau wissen, auch Details begreifen, selber denken und dieses Denken mit andern teilen. Deshalb ist er doch lieber Pfarrer geworden und nicht Lokomotivführer. Der Mensch kommt für ihn vor der Maschine, die grössere Herausforderung vor der kleineren. „Nichts interessiert mich mehr als zu sehen und zu verstehen, wie andere Menschen ticken“, sagt er, „wie sie zu dem geworden sind, was sie sind. Und wenn ich durch meine begleitende Präsenz dann noch mitwirken kann, schwierige Momente gut zu gestalten, umso schöner.“

Bereits mit vierzehn hat er gewusst, dass er Pfarrer werden wollte. Vielleicht auch um die Ereignisse im Leben in ihrem tieferen Sinn zu verstehen. Litt er doch damals darunter, gar nichts zu verstehen: weder, dass sein Bruder vier Jahre zuvor an einem Nierenversagen gestorben war, noch dass seine Eltern sich kurz darauf scheiden liessen.

Ums Verstehen ringen

Auch als er sich im Militär entscheiden musste, ob er Feldprediger werden wollte, war seine Neugier ausschlaggebend. Die Konstellationen und Beziehungen innerhalb des Militärs interessierten ihn, die Auswirkungen von psychischen und physischen Belastungen, und ganz besonders die Mitgestaltungsmöglichkeiten seiner eigenen Rolle als Seelsorger.

Und genauso war es, als er angefragt wurde, ob er mitkomme zum Fallschirmspringen. Eine Möglichkeit, seine eigenen Grenzen auszuloten. Und in Erfahrung zu bringen, wie andere sich verhalten, die freiwillig vom Himmel springen! „Zum Glück “, sagt er, „denn einer der Springer, stellte mir da seine Schwester vor. Sie wurde meine Frau. Wie hätte ich sie sonst kennenglernt?“

Und dasselbe galt, als er später von Weiach aus als nebenamtlicher Gefängnisseelsorger im Bezirksgefängnis Dielsdorf und im Flughafengefängnis tätig war. Er wollte die fremden Welten der Menschen ergründen und erfahren, was in ihnen vorging und vorgeht. Er wollte auch da versuchen zu verstehen. „Es ist kein Zufall, dass beim Abendmahl Brot und Wein gereicht wird“, sagt er, „beide werden erst durch die Gärung vollkommen, sie sind Symbole der ständigen Veränderung und damit des menschlichen Lebens. Es gilt unbedingt, sich in der Auseinandersetzung mit anderen und anderem ständig weiterzuentwickeln.“

An diesen Umstand dachte er wohl, als es ihm in Weiach fast zu wohl geworden war. Da packte ihn das Grauen, er könnte plötzlich selbstgenügsam werden. Nach einem Freisemester bekam er eine unbändige Lust, in neue Gefilde aufzubrechen. Eine Lust, die so stark war, dass sich seine Familie – die eigentlich erst gegen jegliche Veränderung war – sich davon anstecken liess und sich mehr oder weniger zuversichtlich gemeinsam mit ihm ins Zolliker Abenteuer stürzte.

„Nur ein einziges Mal“ sagt er, „kurz vor dem Staatsexamen, fragte ich mich, ob ich nicht lieber Journalist werden sollte. Doch ein Abendessen mit meinem väterlichen Freund und Mentor Hans ten Dornkaat genügte, um mich davon abzuhalten.“ Thomas Koelliker hat es nie bereut.

Von der Lust dabei zu sein.

„Als Pfarrer“, sagt er heute voller Freude, „ist das Schönste, dass ich in vielen wesentlichen Lebenslagen hautnah mit dabei bin. Ich begleite Menschen bei der Taufe, der Konfirmation, der Hochzeit, in schwierigen Situationen, bei Krankheiten und dem Tod. Ich erlebe, wie sie sich verändern, erfahre die Ursachen und lerne ständig Neues. Gelingt es mir, dabei hilfreich zu sein oder solche Momente durch mein Mitwirken echt und würdig zu gestalten, erlebe ich Zufriedenheit und Sinn in meiner Tätigkeit.“

Das Schwierigste umgekehrt sei stets gewesen, wenn eine Spannung oder Streitigkeit in der Familie nicht habe ausgeräumt werden können, bevor er sich wieder als Pfarrer habe engagieren müssen. Oder das Bewusstsein zu ertragen, dass das Verständnis Fremden gegenüber manchmal einfacher fällt als in der eigenen Familie. Die Ungeduld den eigenen Kindern gegenüber beim Helfen von Schulaufgaben, beim Wörtchen abfragen und sich dabei zu erinnern, wie verständnisvoll man eben noch im Gespräch mit Konfirmanden reagiert hatte. Da war dann eine Joggingrunde angesagt, um den Kopf auszulüften.

Ist es ihm nie zu viel geworden? Nein, die Seelsorge und der Konfirmandenunterricht nie, und das Predigen schon gar nicht. Anderes zuweilen aber schon. Der administrative Überhang in vielen beruflichen Belangen, die mit Terminen vollgespickte Agenda, die unzähligen Sitzungen. Auch das ständige Zur-Verfügung-Stehen-Müssen.

„Es nimmt mich schon Wunder“, sagt er, „wie das sein wird, nach so vielen Jahren plötzlich wieder so frei zu sein wie kurz nach der Matura. Denn als Pfarrfamilie hat man eigentlich niemals eine hundertprozentige Privatsphäre. Die Pfarrhausstube steht stets auch für Gäste bereit, die etwas besprechen wollen, hinter jedem Telefon kann ein Notfall oder eine Anfrage stehen, sogar in den Ferien ist die telefonische Präsenz selbstverständlich.“

Das wird sich nun ändern. Zwar wird die Agenda wohl niemals leer sein. Da sind noch Aufgaben im Bildungsbereich, denen er weiterhin nachkommen wird – und da ist und bleibt vor allem auch noch die Freitagsgruppe, die er zur Freude Stammbesucherinnen und -besucher seiner Lektüre biblischer Texte weiterführen wird.

Da sind gleichzeitig noch tausend andere Ideen und vor allem auch immer noch unzählige offene Fragen, denen er nachgehen möchte, wobei er stets betont, dass es ihm stets mehr um die wichtigen Fragen, denn um die Antworten gehe. Das Interesse an Menschen und deren Lebensgeschichten, an geschichtlichen Zusammenhängen, an persönlichen Prozessen und Entwicklungen ist so stark wie eh und je. Was sein Lebenselixier war, wird sein Lebenselixier bleiben. (db)