10/2015 Ein Navigator über dem Meinungsmeer

Ein Navigator über dem Meinungsmeer

Zu wissen, worüber man spricht, ist Karl Lang wichtig. Sein Leben lang hat der Sozialdemokrat aus tiefster Seele zuerst recherchiert, dann seine Schlüsse gezogen und daraufhin seine Meinung kundgetan. Vor allem, wenn rundum viele anders dachten.

Früh schon wusste Karl Lang: Das Leben ist nicht für jeden gleich. Im Juni 1939 kurz vor Kriegsausbruch geboren, erinnert er sich, wie er als kleines Kind jeweils Gott im Gebet gedankt hatte, dass er auf der südlichen Seite des Bodensees zur Welt gekommen war. Er wuchs als einziges Kind seiner Eltern im Seedörfchen Horn in einer kleinen Einfamilienhaussiedlung auf und spielte unbeschwert mit den Nachbarsbuben. Der Garten war gross, das Häuschen klein. Sein Vater war bei der SBB, der Lohn gesichert und die Mutter zu Hause. Nahe leuchtete das Feuer nach der Bombardierung von Friedrichshafen 1944 über den See. Doch trotz naher Grenze fühlte er sich stets geborgen. Dennoch vergass der 75-Jährige nie, dass das eigene Glück nicht – oder nicht nur – in den eigenen Händen liegt. Bis heute bleibt die leichte Verwunderung darüber, wie die Geschicke der Welt sich verteilen und was ihm persönlich zugedacht wurde.

In der Jugend wäre er gerne Navigator geworden. Einer, der den Weg kennt und dank seinem Wissen Flugzeuge sicher über den Atlantik in ferne Welten zu führen vermag. Später entschloss er sich, seinen eigenen Weg und seine eigene Meinung zur Welt über ein Geschichtsstudium zu suchen. Das war nicht selbstverständlich. «Mein Vater hat in seinem Leben kein einziges Buch gelesen», sagt Karl Lang, «doch mein Onkel war in der Büchergilde. Er schenkte mir Bücher wie «Die rote Zora» und «Die schwarzen Brüder» und machte mich so zum Leser.»

So ging Karl Lang nach der Sekundarschule erst an die Kantonsschule St. Gallen und wechselte von dort an die Verkehrsschule, welche damals Ausbildungsstätte für Zöllner, Pöstler und SBB-Beamte war und somit einen sicheren Broterwerb versprach. Kurz arbeitete er als Stationsangestellter, doch das war für ihn kein Beruf fürs Leben. Und die Zeiten waren günstig. So holte er die Matura nach und schrieb sich 1962 an der Universität Zürich ein.

Auf gutem Weg

Da war er gleich richtig. Geschichtlicher Navigator war noch besser als geografischer!

Er stürzte sich mit Elan ins Studium und fand sehr schnell heraus, dass sein Herz links schlug. Er trat der Bewegung FSZ bei, der Fortschrittlichen Studentenschaft Zürich, in der nächtelang über die Verbesserung der Welt diskutiert und der Protest zuweilen auch auf die Strasse getragen wurde. Karl Lang wurde schnell deren Präsident. Nicht weil er sich besonders exponiert hätte, eher im Gegenteil: Er war der pragmatische Arbeiter, der gemässigte Linke, niemals radikal im Denken, sondern bodenständiger Sozialdemokrat. Allerdings auch damals bereits einer, der klar analysieren konnte, wusste, was er wollte und sagte, was er dachte.

Das gefiel wohl auch Katarina, die er 1966 auf einer sommerlichen Studienreise in Griechenland kennenlernte und alsbald heiratete. Bis heute steht sie ihm mit Rat und Tat zur Seite. Damals, 1967, unterrichtete sie bereits im Zollikerberg Gymnastik und am Freien Gymnasium Sprechtechnik. Sie war es, die ihrem Mann empfahl, sich doch auch am Freien Gymnasium als Geschichtslehrer zu bewerben.

«Ich wurde gut aufgenommen am Freien Gymnasium», sagt Karl Lang, der 1969 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Zollikon wurde, «obwohl ich das Heu politisch natürlich schon auf einer andern Bühne hatte.» Ein einziges Mal hätten Eltern den Rektor gefragt, ob er die Schüler im Unterricht nicht sozialistisch beeinflusse – doch da hätten der Rektor und er unbesorgt abwinken können. Das hätte er niemals getan. Immer schon war er der Meinung gewesen, jeder müsse selber denken lernen. 1974 wurde er Archivar am Schweizerischen Sozialarchiv, wo er sich bis zur Pensionierung 2002 mit der Sozialgeschichte beschäftigte.

Schwieriger hatte er es mit seiner Weltanschauung auf Gemeindeebene. Nachdem er in den Siebzigerjahren die SP vier Jahre in der Schulpflege vertreten hatte, bekämpften und verhinderten anonyme Inserate im Zolliker Boten seine Wiederwahl. Eine ihm unverständliche Begebenheit, die ihn einmal mehr über die Wendungen im Leben staunen liess. Doch er liess sich nicht verdriessen, setzte sich auf seine Art weiter für die Gemeinde ein, liess sich in die Bibliothekskommission wählen, blieb da zwanzig Jahre, zehn Jahre davon als Präsident. Er ging gern und oft an die Gemeindeversammlung und hielt da mit seiner Meinung nie zurück. «Nie hatte ich ein vorgefasstes Referat», sagt er, «doch natürlich war es mir wichtig, meine oft gegenteilige Meinung einzubringen. Dafür sind Gemeindeversammlungen ja da!»

Mit Katarina bekam er zwei Kinder, Benjamin und Franziska. Als Familie waren sie oft wandern. Sie alle bewegten sich gerne, liebten die Natur und verbrachten viel gemeinsame Zeit. Die Kinder studierten beide, er Umweltwissenschaften, sie Medizin.

Franziska starb mit 35 Jahren. Das unfassbarste aller persönlichen Weltgeschicke Karl Langs.

Benjamin ist des Berufes wegen letzten Sommer mit seiner Familie für drei Jahre nach Bolivien gezogen. Bereits haben Karl und Katarina ihn besucht. Sie vermissen die häufigen Besuche der beiden Enkelinnen, die gemeinsamen Familienunternehmungen in der Natur. Wobei Karl Lang, unternehmungslustig wie er ist, längst gewohnt ist, in neuen Gruppierungen durch die Welt zu ziehen. «Kaum war ich pensioniert», sagt er, «schlug mir meine Frau vor, doch eine Wandergruppe der Pro Senectute zu übernehmen. Seither habe ich 120 Wanderungen durchgeführt – und jede einzelne vorher rekognosziert.» Er bewegt sich gerne, mag das Unterwegssein, real wie gedanklich.

Über 75 ist er nun, hat manches verstehen gelernt, sich zu vielem eine fundierte Meinung gebildet – drei Dinge aber haben sich in all der Zeit nie verändert: sein Staunen über die Schönheit der Natur, seine Verwunderung über die Irrungen der Menschheit und sein Interesse an den zuweilen «kurligen» Begebenheiten im gesellschaftlichen Alltag. (db)