49/2014 Dem Jäger auf der Spur

Dem Jäger auf der Spur

Herbstzeit ist Wildzeit, das ist allgemein bekannt. Was aber treiben die Jäger auf der Gemeinschaftsjagd, was treibt einen Jäger auf die Jagd und was bedeutet es, einen Wildbestand zu hegen und zu pflegen? Ein Erlebnisbericht.

Wir treffen uns an einem Donnerstagmorgen Mitte November um halb acht bei der Jagdhütte Salster im unteren Teil des Zolliker Jagdreviers. Zwölf Jäger, vier Jagdaufseher und sechs Treiber versammeln sich zur zweiten Zolliker Gemeinschaftsjagd in diesem Jahr. Der Tag steht unter der Jagdleitung von Alain Merkli, der sich seit einem Jahr für die Gemeinschaftsjagden verantwortlich zeichnet. Sechs Triebe sind für diesen Tag vorgesehen, sechs Mal werden sich die Jäger an verschiedenen „Ständen“ einrichten, sich jeweils eine Stunde lang kaum bewegen, warten, bis die Treiber mit ihren Hunden das Wild aufscheuchen. Zum Abschuss freigegeben sind Rehe, Füchse, Dachse und Marder, geschossen wird mit Schrot auf maximal 30 Gänge (30 Meter).

Verschiedene Vorbereitungen sind dem Tag vorausgegangen: Alain Merkli teilte die Waldgebiete ein, markierte die Bäume, bereitete die Stände der Jäger vor, legte die Strategie des Treibens fest. Auch die Infrastruktur für das «Aufbrechen», das Entnehmen der Innereien, und das fachgerechte Lagern der Tiere musste bereitgestellt, der Transport der Jäger und Treiber organisiert, die Gemeinde, Polizei und Metzger informiert sowie der Tagesablauf erstellt werden. Gut zwei Tage Arbeit.

Den Vormittag verbringe ich bei den Jägern, ich verfolge, wie sie ihre Waffen anlegen, achte auf die einzelnen Geräusche im Wald, spüre die Spannung, die bei jedem Rascheln zunimmt. Tiere sehe ich einige, meist Rehe, und sie überraschen mich. Selten sind sie wirklich flüchtig, oft ist ihre Bewegung graziös, ihr Verhalten geradezu ruhig, obschon sie von Menschen und Hunden aufgescheucht werden. Meinen Eindruck bestätigt mir Cilly Ritscher. Die einzige Frau unter den neun Pächtern im Revier Zollikon ist nicht nur vereidigte Jagdaufseherin, sondern auch frisch ausgebildete akademische Jagdwirtin. Gegen 200 Bewerber setzte sie sich durch, um zusammen mit 19 anderen an der Universität für Bodenkultur in Wien den entsprechenden Lehrgang zu durchlaufen. «Unsere Rehe im stadtnahen Wald sind sich Unruhe gewohnt.» Sie aus dem Dickicht zu locken, sei oft schwierig. Cilly Ritscher macht keinen Hehl daraus, dass sie keine grosse Anhängerin der Gemeinschaftsjagd ist, sieht aber deren Notwendigkeit. Der Tierbestand müsse reguliert werden, um Schäden am Baumbestand und landwirtschaftlichen Kulturen zu verhindern. Aber auch, weil sich die Tiere sonst gegenseitig den Lebensraum streitig machen und dabei schwächer und ungesünder würden. Je mehr Tiere es hat, desto mehr Unfälle passieren auf der Strasse, auch dem gälte es vorzubeugen.

Der sichere Schuss

Die Anzahl der zum Abschuss freigegebenen Tiere bestimmt die Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich jeweils im Frühling aufgrund aktueller Bestandeserhebungen. «Ohne die Gemeinschaftsjagden würden wir diesen Abschuss nicht erreichen», sagt Cilly Ritscher, pro Tier müsse ein Jäger im Schnitt fünf bis sechs Mal jeweils drei bis vier Stunden auf die Pirsch. Sie hält mir den Abgangsplan hin, der zeigt, wie viele Tiere bis Ende Jahr noch geschossen werden müssen. Sie selber hat dieses Jahr erst einen Bock erlegt, «es gibt bestimmt fleissigere Schützen als mich», sagt sie lachend, doch damit habe sie kein Problem. Im Gegenteil. Sie bezeichnet das Schiessen zur Erhaltung eines gesunden Wildbestandes zwar nicht als zweitrangig und sie freut sich über selbst erlegtes Bio-Wild auf dem Tisch. Dennoch seien es all die anderen Sachen rund um die Jagd, in die sie ihr Herzblut steckt: die Hege und Pflege des Wildes, Kontrollrundgänge und Wildbeobachtungen im Wald, die Wildzählung im Frühjahr und auch Besuche in Kindergärten und Schulen.  Als Jagdaufseherin muss Cilly Ritscher jederzeit erreichbar und bereit sein. Kranke und verletzte Tiere von ihrem Leiden zu erlösen, ist ihre Pflicht. Auch wenn es Probleme mit Marder oder Füchsen gibt, was bei der zunehmenden Fuchspopulation häufig vorkommt, rücken die Jagdaufseher aus, um zu helfen, zu beraten und auch, um Fallen zu stellen. «Ein Tier in einer Falle zu schiessen, hat mit der Jagd überhaupt nichts zu tun», hält die Jagdwirtin fest, deren Ausdruck in den Augen verrät, wie schwer ihr dies fällt. Ein Tier zu töten, sei nie einfach. Auch auf der Jagd könne sie es nur dann, wenn sie ganz sicher sei, dass das Tier liegt – sprich dass es sofort tot ist. Sie überlege sich einen Schuss vielleicht länger als andere und bezeichnet sich deshalb als keine besonders gute Bewegungsjägerin.

Respekt vor dem Tier

Als ein Schuss ertönt, zucke ich zusammen. Gemeinderat Martin Hirs, der als Gastjäger mit dabei ist, horcht auf. Einen kurzen Moment später ertönen drei kurze Stösse aus einem Signalhorn. Er ist erleichtert. «Mit dem Horn wird signalisiert, dass ein Tier liegt», ertönt kein solches, wurde es nur angeschossen, was bedeutet, dass es verletzt ist und die Nachsuche beginnt. Schweisshunde versuchen dann, das Blut, das in der Jägersprache als Schweiss bezeichnet wird, aufzunehmen, das verletzte Tier aufzuspüren. Da bleibe nur die Hoffnung, dass dies gelingt und das Tier erlöst werden könne. «Kein Jäger will einem Tier Leid und Schmerz zufügen.»
Zurück bei der Jagdhütte sehe ich die tote Rehgeiss. Die Verletzungen der winzigen Schrotkugeln sind kaum sichtbar. Dem Reh wird eine Weisstanne, der sogenannte «letzte Bissen» in den Äser gelegt. Schütze Ruedi Merkli, der Vater von Alain, hebt in stummer Geste den Hut. Der Respekt vor dem Tier wird ein weiteres Mal an diesem Tag sichtbar.

Am Ende des Tages – nach gut 160 Mannstunden – sind es drei Rehe (ein Bock, eine Geiss und ein Kitz) sowie ein Fuchs, die reglos da liegen. Die Jäger haben sich versammelt, um die Strecke zu verblasen: Sie erweisen den erlegten Tieren und erfolgreichen Schützen die Ehre. Danach sitzen wir beim Aserfeuer zusammen, es wird gepflegt, was die Jagd ebenfalls ausmacht: die Kameradschaft. Mitten im dunklen Wald und bei lodernden Flammen lausche ich Jägergeschichten. «Eine Jagd kann man nicht beschreiben», sagte mir Alain Merkli einst, «man muss sie erlebt haben.» Ich kann ihm nur beipflichten: Sie zu beschreiben, ist ein Versuch. Sie zu erleben, es definitiv wert. (mmw)

Lesen Sie den ausführlichen Bericht im aktuellen «Zolliker Bote» vom 5. Dezember 2014.