4/2014_Kriegskindergeschichten

Kriegskindergeschichten

Mit ihrem Buch «Vatertage»  erzählt Katja Thimm die Geschichte ihres Vaters: die Geschichte eines Kriegskindes. Der Buchbesprechung anlässlich des «Café Littéraire» lauschte auch die Zollikerin Hannelore Meister. 1927 in Ostpreussen geboren, erlebte auch sie den Zweiten Weltkrieg hautnah mit und weiss, was es heisst, im Krieg und auf der Flucht zu sein.

Die Autorin Katja Thimm ist eine von hunderttausenden von Töchtern und Söhnen, die kaum etwas aus dem Leben ihrer Eltern wissen. Die heute 43-Jährige wächst auf in einer, wie es scheint, ganz normalen Einfamilienhaus-mit-Garten-Kindheit in der Bonner Republik. Eine behütete Kindheit, die aber immer wieder Risse erhält, denn das Leben ihres Vaters war geprägt von Krieg und Verlust, von Vertreibung und Gefangenschaft. Ihr Vater Horst gehört zu jenem Dritter aller Erwachsenen Deutschlands, die den Zweiten Weltkrieg als Kind miterlebten.. Er, der gelernt hat zu schlucken, Ängste und Trauer zu unterdrücken und all die Jahre seinen Dämon, die Erinnerung an die Flucht, bezähmte, jegliche Hilfe ablehnte und Krankheiten abwehrte, wird im Altersheim von seiner Tochter befragt. Oft widerwillig erzählt er nach und nach seine Erlebnisse auf der Flucht, seine Zeit im DDR-Gefängnis mit Einzelhaft und Psychoterror. Entstanden ist eine berührende Biografie, die auf zwei Erzählebenen geschildert wird: In der Gegenwart ebenso wie in der Vergangenheit.

Die emotionalen Bilder, die bei der Lektüre des Buches hervorgerufen werden, erfährt die Zollikerin Hannelore Meister nicht nur aus den Nacherzählungen, sie erfuhr sie am eigenen Leib. Wie Horst Thimm war auch sie noch ein Kind, als die Nazis an die Macht kamen. Wie er wuchs auch sie in Ostpreussen auf. 12 Jahre alt war die geborene Hannelore Ruhrmann, als im September 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen ausgelöst wurde. Am Anfang spürte sie wenig vom Krieg, kannte ihn eigentlich nur vom Hörensagen. Mit ihrem Vater, einem praktizierenden Arzt, der nicht in den Krieg geschickt wurde, und ihrer Mutter verbrachte sie ihren Alltag bestehend aus Schule und Mithilfe bei der Hausarbeit. Ihr um zwei Jahre älterer Bruder musste als Sanitätssoldat in den Krieg einziehen. Was die junge Hannelore aber immer stärker zu spüren bekam, waren die Sorgen ihres Vaters. «Er war sehr deprimiert», erzählt sie, «obwohl darüber nicht gesprochen werden durfte, erfuhr er durch seine Patienten so einiges. Er sah, dass es mit der deutschen Besetzung nicht gut gehen konnte.» Noch heute höre sie ihn sagen: «Gnade uns Gott, wenn zurückkommt, was wir Deutschen angerichtet haben!»

Die Wende kam mit Hitlers Angriff auf die Sowjetunion und dem Eingriff der USA. Der Vater schickte seine Tochter Hannelore während den Sommerferien 1944 nach Berlin. Er habe gehofft, dass die Russen kämen, bevor die Schule wieder anfing, erzählt sie. «Ich hatte keine Ahnung, was Luftangriffe bedeuteten, bis ich den zerbombten Westen sah.» In Berlin erfuhr die junge Frau, dass die Engländer nun in der Lage waren, ihre Flugzeuge während des Fliegens aufzutanken und was das bedeutete, war ihr bewusst: Nicht mehr lange und auch Ostpreussen würde angegriffen werden. Es folgte bald darauf die zweite Nachricht, die auch die letzte über ihre Eltern sein sollte:  Königsberg, die Hauptstadt Ostpreussens, wurde zweimal angegriffen, die Altstadt zerbombt, ihr Elternhaus vernichtet, die Eltern wohl getötet.

Wunder inmittem Fürchterlichem

Hannelore Ruhrmann kehrte zurück nach Ostpreussen zu den Trümmern ihres Elternhauses. Als Kriegsdienstverpflichtete wurde sie nach Pommern geschickt, um als Schulhelferin zu arbeiten. Von dort folgte die Flucht nach Berlin. In dieser Zeit erfährt die junge Frau zweimal Situationen, die sie noch heute zu Tränen rühren. Sie spricht von grossen Wundern, die sie erfahren durfte inmitten all der fürchterlichen Erlebnisse. «In Pommern, wo nur Frauen mit Kindern evakuiert wurden und ich einmal mehr auf mich alleine gestellt war, wollte es der Zufall, dass Verwandten auf dem Weg nach Berlin just in jenem Ort das Benzin ausging, wo ich mich aufhielt. Sie erinnerten sich an mich, begannen sich neben der Suche nach Benzin auch auf die Suche nach mir zu machen und nahmen mich mit.» In Berlin angekommen, meinte es das Schicksal nochmals gut mit ihr. «Im Bus auf dem Weg zu weiteren Verwandten erblickte ich plötzlich und wie aus dem Nichts meinen Bruder», dieser war für zwei Tage in der Stadt stationiert. Nie hätte Hannelore geglaubt, ihn lebend wiederzusehen. «Ich konnte mein Glück kaum fassen.»

Ab Februar 1945 lebte die heute 87-Jährige für sechs Jahre im Ruhrgebiet, holte ihr Abitur nach und arbeitete als Lehrerin, obwohl sie das eigentlich gar nie sein wollte, wie sie erzählt. «Doch jeder musste schauen, wie er durchkam, der Lehrerberuf war für mich die einzige Möglichkeit.» Hannelore Ruhrmanns persönlicher Zusammenbruch kam, als der Krieg bereits vorüber war. Es waren nicht nur die Nachkriegsjahre, die schwer und hart waren, es war auch die Erkenntnis, was wirklich vorgefallen war. «All die Jahre hatte ich vorgemacht bekommen, was Hitler für ein toller Mensch war. Und dann bekam ich plötzlich zu hören, wie es wirklich war.» Hilfe und neuen Mut fand sie durch ein befreundetes Schweizer Ehepaar ihrer Eltern, das in Berlin eine Diakonissenschwesternschaft führte und Hannelore Ruhrmanns Schwiegereltern werden sollte. Zusammen mit ihrem Mann Theophil kam sie als verheiratete Meister in die Schweiz und nach Zollikon, wo sie heute, ebenso wie ihre Kinder und Enkelkinder, noch immer lebt.

Fehlende Wertschätzung

Hört Hannelore Meister Geschichten wie diejenige des Kriegskindes Horst Thimm erwachen auch ihre eigenen Erinnerungen wieder. Obwohl sie Schreckliches erleben musste und sie niemandem die Erfahrungen eines Krieges wünsche, habe ihre Vergangenheit sie gelehrt, was heute vielen abhanden komme: Dankbarkeit. Dankbar für alles, was man hat. Das Zolliker Kriegskind sagt dies mit einer Selbstverständlichkeit, die genauso berührt wie das Buch, das besprochen wurde: Vatertage. Eine deutsche Geschichte. Eine Geschichte mit erschreckender Aktualität. (mmw)

Lesen Sie den ganzen Bericht im aktuellen «Zolliker Bote» vom 24. Januar 2014.