51/2013 Die Kostbarkeit der Weihnachtstage

Die Kostbarkeit der Weihnachtstage

Weihnachten ist das Fest der Geburt Jesu, der gekommen ist, Licht und Frieden in unsere Welt zu bringen. Die Erwartungen rund um das Fest sind entsprechend hoch. Es soll unsere Wünsche erfüllen und uns Freude machen. Nicht einzig ein gemütliches Beisammensein rund um ein festliches Mahl sein, sondern auch Frieden und Harmonie in unsere Herzen bringen.

Ein Gespräch über Weihnachten mit Simon Gebs, Zolliker Dorfpfarrer und Seelsorger bei Schutz und Rettung Zürich, Mann, Ehemann und Familienvater über die Kostbarkeit dieser Tage.

Freuen Sie sich auf Weihnachten?

Ja, sehr! Wir vier Zolliker Pfarrer teilen uns die anfallenden Aufgaben auf. Dieses Jahr werde ich am 22. Dezember an der traditionellen Weihnachtsfeier des Wohn- und Pflegezentrums Beugi teilnehmen und am 24. Dezember die Familienfeier in der Dorfkirche leiten. Beides mache ich extrem gern. Ich liebe diese erwartungsvolle Stimmung. Die Mischung von Besinnlichkeit und Aufgeregtheit unter den Menschen kurz vor dem Heiligen Abend. Vor einigen Jahren haben wir diesen Familiengottesdienst am Nachmittag vor der Heiligen Nacht eingeführt und er ist sehr beliebt. Er erfüllt das Bedürfnis nach Besinnlichkeit und ist ein guter Auftakt für die Familienfeier zu Hause. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Kinder führen das Krippenspiel auf, Eltern und Grosseltern sind da und es wird gemeinsam gebetet und gesungen. Die Stimmung ist wunderbar.

Keine Angst vor unerfüllten Erwartungen?

Nein, nicht innerhalb dieser Feier. Ich bin immer wieder berührt über die Kraft des gemeinsamen Feierns, des gemeinsamen Singens im grossen Kreis. Das geht über  die Möglichkeiten einer kleinen Familie hinaus und ist für alle eine intensive Erfahrung. Zudem werden wir dieses Jahr wieder das Licht aus Bethlehem hier haben.

Das Licht aus Bethlehem?

Ja, in Bethlehem wird jedes Jahr das Friedenslicht entzündet. Im Flugzeug kommt das Licht nach Wien, im Zug nach Zürich an den Bürkliplatz. Wir holen es von da zu uns in die Kirche nach Zollikon, wo es sich jeder holen und nach Hause tragen kann. Und wir sehen alle: Da wird etwas geteilt und geteilt und nochmals geteilt und wird dadurch nicht weniger, sondern mehr. Diese Symbolik liegt mir am Herzen. Das ist Weihnachten!

Weihnachten als Fest des Lichts?

Ja, Weihnachten als Ausdruck einer tiefen menschlichen Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit . So geborgen wie im Mutterleib ist man als Mensch ja nie mehr, doch unser Bedürfnis und unsere Sehnsucht danach hören nie auf. Das Weihnachtsfest bietet uns mit seinen festen Traditionen einen Rahmen, an den wir uns halten und uns  geborgen fühlen können.

Ist Weihnachten nicht für viele gerade deshalb so schwer, weil in diesen Tagen ein Fehlen von Geborgenheit und Harmonie umso schmerzlicher bewusst wird?

Doch, ja. Ich erlebe dies als Seelsorger immer wieder. Weihnachten bringt oft die tiefen Gefühle ans Licht. Wie schmerzlich sind zum Beispiel erste Weihnachten nach einem Todesfall in der Familie, wie brüchig ist eine gespielte Harmonie in einer Beziehung.

Sind Sie als Seelsorger über die Weihnachtstage besonders gefordert?

Nein, es ist nicht anders als sonst. Es kann immer akute Notfälle geben. Und als Seelsorger ist es mir immer ein Anliegen, Menschen Unterstützung in schweren Momenten zu bieten. Allenfalls werden Nöte und Probleme über die Weihnachtstage angesichts der stillen Sehnsucht nach ungefährdetem und verlässlichem Leben akzentuierter erlebt. Dies stellt gewiss da und dort auch für uns Seelsorger eine spezielle Herausforderung dar.

Möchten Sie zum Schluss des Gesprächs den Zollikern noch eine persönliche Weihnachtsbotschaft mit auf den Weg geben?

Ich erlebe es innerhalb der Seelsorge immer wieder, dass Menschen streng mit sich selbst unterwegs sind. Sie arbeiten, leisten, bemühen sich, rennen dem Erfolg und der Anerkennung nach, immer wieder mit hohen Ansprüchen an sich selbst. Im Grunde genommen sind dies kostbare Seiten, und doch haben sie eine Achillesferse. Die Weihnachtsbotschaft enthält hier in meinen Augen ein zentrales Korrektiv. Gott kommt in Jesus auf uns Menschen zu, um uns unbedingt, ohne Vorleistung zu lieben. Dieses unbedingte Ja Gottes dürfen und sollen wir an uns heran lassen und daraus auch eine reifende Selbstliebe entwickeln. Niemand kann reifen, der nicht auch lernt, sich selbst mit seinen dunklen Seiten anzunehmen. Erst daraus entsteht letztlich die Liebesfähigkeit, von der die Weihnachtsbotschaft in ihrer Universalität auch spricht. Gerne möchte ich Ihnen daher sagen: Haben Sie gerade an Weihnachten den Mut, weniger Energie in die Hülle – Geschenke, Dekoration, Kochen, Backen, Besuche – und mehr Energie in den Kern zu stecken. Zu überlegen, was genau Sie wollen und brauchen. Nutzen Sie die Kostbarkeit der Weihnachtstage für eine Besinnung darauf, wie Sie im Grunde Ihr Leben verbringen möchten. Dies wird ‒ was wohl das Geheimnis der Liebe darstellt ‒ nicht in Selbstbezogenheit und Ich-Isolation führen, sondern erst recht eine Bewegung hin zum Du bedeuten.

Gott hat uns seinen Sohn auf die Welt geschickt, um Licht und Orientierung in unsere konkrete Lebensgestaltung als Menschen zu bringen. In dieser persönlichen Gestaltung eines jeden liegt die Leidenschaft Gottes. Die Besinnung auf die wahren Werte eines jeden ist mit der Kern der Weihnachtsbotschaft.

Mit Simon Gebs sprach Dominique Bühler.

Lesen Sie das ausführliche Interview im aktuellen «Zolliker Bote» vom 20. Dezember 2013.