44/2013_Ein Mann mit Kind ist absolut bezaubernd

 «Ein Mann mit Kind ist absolut bezaubernd»

Sie ist Betroffene, Nutzniesserin und Anhängerin: Barbara Lukesch hat eine Familie und einen Beruf. Die partnerschaftliche Aufgabenteilung stand für sie und ihren Mann René Staubli von Beginn weg fest.

Zwei Menschen, die miteinander ein Kind auf die Welt stellen, sollen sich auch gemeinsam um dessen Betreuung kümmern. Halbe-halbe, lautete die Devise im Hause Lukesch Staubli. Die in Zollikon wohnhafte Autorin hat ein Buch geschrieben, das zeigt, wie es ist, wenn der Partner und Vater mitanpackt. 13 porträtierte Familien stellt sie darin vor. Die Einblicke in ganz persönliche Familienwelten beweisen, was der Buchtitel verspricht: «Und es geht doch! Wenn Väter mitziehen».

Entstanden ist ein Buch voller Liebe, Engagement und Zuversicht – mit diesen Worten wurde Barbara Lukesch am Montagabend anlässlich der Vernissage im Kaufleuten gelobt. Mit dem Zolliker Boten sprach die 58-jährige Mutter und Journalistin über bedrohte Männlichkeit, Beziehungen auf Augenhöhe und die Notwendigkeit zum Verzicht.

Ihr Buch erscheint in derselben Zeit, in der die SVP mit ihrer Familieninitiative das traditionelle Familienmodell stärken will: Frauen an den Herd, Männer an die Arbeit. Das Modell des Alleinverdieners soll erstrebenswert sein. Ihr Buch thematisiert genau das Gegenteil: die partnerschaftliche Aufgabenteilung. Ist die Initiative für Sie ein Hohn?

Nun gut, die SVP kann das Rad ja nicht weit genug zurückdrehen, wenn es um die Familie und Rollenmuster geht. Für mich gibt es viele gute Gründe für das partnerschaftliche Modell. Ich sehe nicht ein, dass wir Frauen zwar immer besser ausgebildet sind, letztlich aber mit einem Kind ganz zurück an den Herd gehen sollen. Wir beeinträchtigen unsere beruflichen Möglichkeiten, begeben uns in finanzielle Abhängigkeit, engen unseren Horizont ein … Nein! Es muss für uns Frauen beides möglich sein. Aber – und genau das ist ja Thema des Buches – Männer sollen mitziehen und ihren Part übernehmen! Eine Beziehung zu seinem Kind aufzubauen, geniessen Frauen und Männer gleichermassen. Sie bereichert das Leben beider Elternteile.

Glauben Sie, dass das Drei-Phasen-Modell Ausbildung/Beruf, Familie und Wiedereinstieg heute für Frauen überhaupt noch möglich ist?

Ich halte es für schwierig. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Mit grossem Aufwand kann ein Wiedereinstieg sicherlich erreicht werden, aber er birgt Risiken – gerade in unserer extrem schnelllebigen Zeit. Der technologische, aber auch der Wissensanschluss werden unglaublich schnell verpasst.

Mit Romantik hat das Hin- und Herpendeln zwischen Erwerbsarbeit und Haushalt aber oft wenig zu tun. Läuft man nicht Gefahr, sich zu zerreissen und zu überfordern, wenn beide Elternteile diesen Balanceakt wagen?

Wenn nur eine Person zu Hause bleibt, gibt es klare Abgrenzungen, die beim partnerschaftlichen Modell fehlen. Die «Wer-Was-Wann-Wo-Diskussionen» fallen ebenso weg wie gewisse Unwägbarkeiten, wenn beispielsweise das Kind krank ist. Wer partnerschaftlich teilt, gewinnt zwar vieles, aber er muss andererseits auch das hässliche Ding namens Verzicht in Kauf nehmen ‒ Stichwort Lohn. Dazu bedeutet die aufgeteilte Betreuung auch ein Höchstmass an Kommunikation und Absprachen. Es muss andauernd etwas organisiert werden. Ohne miteinander im Gespräch zu bleiben, geht es definitiv nicht.

Ihr Mann, der seine Geschichte im Buch selber aufgeschrieben hat, sagt, er habe einmal eine Identitätskrise gehabt. «Zähle ich eigentlich mit dem, was ich da mache, noch als richtiger Mann?». Hat er seine Zweifel Ihnen gegenüber auch geäussert?

Oh ja, an eine Szene mag ich mich gut erinnern. Bevor er mit einer Zolliker Gruppe, die aus lauter Müttern, Kindern und ihm bestand, nach Wildhaus ins Ferienhaus der Gemeinde reiste, sagte ihm einer der Ehemänner dieser Frauen, er solle aufpassen, dass er sich beim Pissen nichts aufs Klo setze. Frei übersetzt: «Pass auf, das du mit all den Kindern und unter all den Frauen deine Männlichkeit nicht verlierst.» Das hat ihn getroffen und mich wütend gemacht. Irgendwann habe ich dann zu ihm gesagt: Das ist nicht dein Problem, sondern das desjenigen, der so etwas überhaupt denken und dann auch noch aussprechen kann. Ich bin überzeugt: Männer, die sich um ihre Kinder kümmern, körperliche Nähe zulassen und ihre Herzlichkeit zeigen, sind einfach nur eins: bezaubernd! Absolut bezaubernd! (Mit Barbara Lukesch sprach Melanie Marday-Wettstein)

Lesen Sie das ausführliche Interview im aktuellen «Zolliker Bote» vom 1. November 2013.