32/2013 Wenn der Körper ergriffen wird

Wenn der Körper ergriffen wird

«Eintauchen in andere Welten», lautet die diesjährige Sommeraktion der reformierten Kirche Zollikon. Vergangene Woche stand ein Besuch der Epi-Klinik auf dem Programm. Thematisiert wurde eine Krankheit, die in biblischer Zeit als Besessenheit aufgefasst wurde.

Ein junges Mädchen sitzt am Tisch. Es liest aus einem Buch vor. Ruhig, aber bestimmt und konzentriert. Plötzlich stockt die Kleine, die Pupillen verlieren sich, für kurze Zeit spricht sie nicht mehr, rührt sich kaum. Hätte man ihr nicht zugehört, wäre ihr Wegtreten kaum aufgefallen. Ganz anders der Mann um die 30, der auf dem Sofa sitzt mit Zigarette im Mund und Kopfhörern im Ohr. Auf einmal zuckt er heftig, sein ganzer Körper vibriert, er verliert die Kontrolle und das Bewusstsein, während sein Körper weiterzuckt. Die brennende Zigarette könnte lebensgefährlich werden. Nach anderthalb Minuten ist das ganze vorüber, der Mann vollends erschöpft. Epilepsie – eine bekannte Krankheit, die viele Gesichter hat. Die unterschiedlichen Ausprägungen der Anfälle bekamen die Teilnehmenden der Führung durch das  Schweizerische Epilepsie-Zentrum, das teils auf Zolliker Boden steht, in zwei eindrücklichen Videosequenzen vor Augen geführt.

«Wissen, was Epilepsie ist, tun die meisten irgendwie», sagt Jörg Wehr, zuständig für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit am Epilepsie-Zentrum. Dass epileptische Anfälle und auch eine dauerhafte Epilepsieerkrankung in jedem Alter auftreten können, und dass jeder zehnte Mensch im Laufe seines Lebens einen epileptischen Anfall erleiden könnte, sei vielen aber nicht bewusst, sagt der Pflegefachmann, der Theologie studiert hat und auch als Journalist tätig ist. Ungefähr jeder Hundertste erkrankt chronisch an der Krankheit, die im Gehirn entsteht. Besonders häufig sind Menschen mit einer geistigen Behinderung von Epilepsie betroffen.

Ungute Zeiten

«Als die EPI im 19. Jahrhundert gegründet wurde, wusste man noch nicht so genau, was Epilepsie ist. Epilepsiekranke Menschen, darunter oft Kinder, wurden häufig ausgegrenzt», so Jörg Wehr. Die Betroffenen wurden nicht an öffentlichen Schulen zugelassen, der Zugang zur Bildung wurde ihnen verwehrt. «Viele Leute hatten damals noch eine magische Vorstellung von Epilepsie und fürchteten, die Kranken wären von einem bösen Geist besessen». Ein christlicher Lehrerverband errichtete 1886 ein Haus, um betroffenen Kindern eine neue Perspektive zu geben. Einige Jahre nach der Errichtung des Kinderhauses wurden ein Männer- sowie ein Frauenhaus aufgebaut. Die Bewohner lebten hier aber von der Aussenwelt recht isoliert, und die Krankheit wurde lange Zeit stark tabuisiert. «Eine tragische Geschichte», urteilt Jörg Wehr zurückblickend. Der Heimbereich der EPI umfasst heute 177 Betten und bietet 183 Plätze für Arbeit und Beschäftigung.

Ort der Begegnung

«Heute sind wir sehr daran interessiert, dass Begegnungen stattfinden», sagte Jörg Wehr, während er die Gruppe zur Kirche führte, die ebenfalls auf dem Gelände der EPI zu finden ist. Bruno Giacometti realisierte hier 1971 seinen einzigen Sakralbau, die erste ökumenische Kirche der Schweiz. «Gesunde, Kranke und Behinderte feiern hier gemeinsam Gottesdienste, sie kommen hier genauso zusammen wie auf dem gesamten Areal», freute sich Jörg Wehr. (mmw)

Den ausführlichen Bericht lesen Sie im aktuellen «Zolliker Bote» vom 09. August 2013.