34/2012 „Wer trägt die letzte Verantwortung?“

«Wer trägt die letzte Verantwortung?» fragt der Pfarrer

Zur Theologie fand er weniger aus Überzeugung als aus Zweifel. Theologische Antworten überprüft Ulrich Knellwolf beim Schreiben und Verpacken in eine Geschichte.

Heute vor einer Woche feierte Ulrich Knellwolf seinen 70. Geburtstag. Er fühle sich ein wenig seltsam, „alt fühle ich mich aber nicht“, antwortet der Jubilar auf die Frage nach seiner Befindlichkeit und verrät mit Schalk in den Augen, dass die Umgebung das Alter vielleicht mehr realisiere als er selbst. Klar könne er physisch nicht mehr alles machen, was früher selbstverständlich gewesen sei, aber einschränken tue ihn das nicht. Eine Sportskanone sei er nie gewesen, neuerdings gehe er jedoch einmal wöchentlich in die Physiotherapie, weil ihm sein Arzt dazu geraten habe; dies sei aber auch schon alles. Abgesehen von Sport hat Ulrich Knellwolf aber viel gemacht und weiss einiges zu erzählen. Einen Namen machte er sich nicht nur als Pfarrer, sondern und insbesondere auch als Schriftsteller.

Dorfpfarrer und -psychologe

Geboren ist Ulrich Knellwolf im bernischen Niederbipp, aufgewachsen in Zürich und Olten. Das Appenzeller Bürgerrecht stammt von seinem Urgrossvater, der noch als Bauer in Ausserrhoden arbeitete. Seinen Heimatkanton kannte er jedoch nicht, Beziehungen zur Verwandtschaft im Appenzellerland existierten keine. Er besuchte das Gymnasium in Solothurn und studierte anschliessend evangelische Theologie in Basel, Bonn und Zürich. Mitten im Examen kam die Anfrage aus Urnäsch. Sie hätten gehört, dass in Zürich ein Appenzeller Pfarrer werde und machten ihm ein Angebot. Noch während der Prüfungen, voller Tatendrang und idyllischen Vorstellungen, machte sich der junge Theologe auf ins Land seiner Vorfahren. Zwar merkte er schnell, dass zwischen den Bildern im Kopf und der damaligen Realität eine gewaltige Lücke klaffte; eine Stelle abzulehnen, die ihm auf dem Silbertablett angeboten worden war, wäre ihm aber nicht in den Sinn gekommen. Im hintersten Hinterland verbrachte er seine ersten Jahre als Pfarrer und lernte einiges über die bäuerlichen Verhältnisse. „Die Bauern darf man nicht unterschätzen“, besinnt sich Ulrich Knellwolf an seine Zeit auf dem Land zurück. „Als Städter hat man häufig ein falsches Bild im Kopf – von einfach gestrickten Menschen – was völlig falsch ist.“ Blitzgescheite Leute durfte er kennenlernen. Musikalische Begabung und eine künstlerische Ader hätten viele Appenzeller im Blut, schwärmt er. Schnell schlüpfte er auch in die Rolle des Dorfpsychologen und wurde zum Seelsorger für die ganze Gemeinde.

Vom Land nach Zollikon

Weil er bald feststellte, dass er auf dem Gebiet der Psychologie noch einiges dazulernen konnte, entschloss sich der Theologe zu einer Ausbildung am C. G. Jung-Institut in Zürich. Als er eines Tages wieder einmal ein paar Fremde in einem seiner Gottesdienste erblickte, roch er den Braten rasch: Die Pfarrwahlkommission von Zollikon stattete ihm einen Besuch ab und schon kurze Zeit später war er für eines der Pfarrämter im Zollikerberg zuständig. Insgesamt zwölf Jahre – sechs Jahre im Berg, sechs Jahre im Dorf – verbrachte Ulrich Knellwolf in Zollikon. Die Unterschiede zum Appenzellerland waren spürbar. „Die Appenzeller wandten sich bei Problemen zuerst an den Pfarrer, die Zolliker suchten zuerst den Psychologen auf“, erzählt der 70-jährige herzhaft lachend. In Zollikon lernte er auch seine Frau Elsbet kennen, die als Sekretärin der Kirchgemeinde Zollikon tätig war. Heute schauen die beiden auf 35 Ehejahre zurück.

Von der Predigt zum Krimi

Nach der Zeit in Zollikon wechselte Ulrich Knellwolf nach Zürich an die Predigerkirche. „Die Predigtgemeinde war am Zerbröckeln, während drei bis vier Jahren predigte ich vor fast leerem Haus; erst mit den Jahren füllte sich die Kirche.“ In dieser Zeit fand der Theologe zu seiner Leidenschaft zurück, der er schon während seiner Schulzeit gefrönt hatte: dem Schreiben. Gotthelfs Roman „Der Bauernspiegel“ zog ihn in seinen Bann. Dieses Buch über ein Verdingbubenschicksal faszinierte ihn ungemein; nie hätte er gedacht, dass ein Pfarrer aus dem 19. Jahrhundert fähig war, in dieser Schärfe mit der Kirche abzurechnen. Knellwolf setzte sich an die Schreibmaschine und schrieb über Jeremias Gotthelf – 1990 promovierte er an der Universität Zürich mit einer fast 400-seitigen Arbeit. Einmal vom Schreibvirus befallen, konnte er nicht mehr davon lassen.  Es wurde ihm bewusst, dass man nur schreibt, wenn man das Gefühl hat, etwas entdeckt zu haben. „Beim Gotthelf-Buch hatte ich auch gemerkt, dass kaum jemand eine wissenschaftliche Arbeit liest. Also entschied ich mich, einen Kriminalroman zu schreiben.“ 1992 erschien sein Erstling, „Roma Termini“, ein Buch über Kirche und Macht. Bis heute sind knapp 20 Bücher von Ulrich Knellwolf erschienen; „Tod ins Sils Maria“ gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Krimis.

Woher kommt das Böse?

In einem Pfarrer, der böse Geschichten schreibt, sieht er keinen Widerspruch. Im Gegenteil. „Beim Schreiben merkte ich, dass die Frage nach dem Schuldigen für mich theologisch immer höchst brisant war. Erst mit dem Erzählen einer Geschichte habe ich jedoch herausgefunden, dass die Frage meistens abstrakt blieb. Mit dem Verpacken in einen Roman wurde die Frage konkret und die Betrachtungsweise änderte sich komplett.“ Den Theologen und Schriftsteller Ulrich Knellwolf interessierte immer weniger die Frage, welcher Mensch der Täter ist, immer mehr jedoch die andere, warum ein Mensch zum Täter wird. Und dann besonders jene grosse Frage, ob tatsächlich der Mensch die letzte Schuld am Bösen trägt. Könnte es nicht auch der Schöpfer sein? „Für mich ist es die Aufgabe der Theologie, darüber nachzudenken, wer die letzte Verantwortung trägt. Die alte theologische Frage unde malum – woher kommt das Böse – wird in der Bibel nicht einstimmig, sondern auf höchst interessante Art mehrstimmig beantwortet. Vielleicht muss man sich hier entscheiden.“

Das Schreiben war für Ulrich Knellwolf nie ein Absprung von der Theologie, vielmehr überprüft er damit theoretische Zusammenhänge und Fragestellungen. Nach zwölf Jahren an der Predigerkirche in Zürich kam er zurück in den Zollikerberg, wo er bis zu seiner Pensionierung für die Stiftung Diakoniewerk Neumünster arbeitete. Noch heute ist seine Leidenschaft fürs Schreiben ungebrochen. Sein neustes Werk werde aber nichts ‚Kriminelles’. „Ich möchte das, was mir wichtig ist in der Theologie, zwischen zwei Buchdeckel bringen.“ Und einmal im Monat steht er weiterhin auf der Kanzel und predigt in der Kirche des Diakoniewerks Neumünster. Vor mehr und weniger sündigen, vor hochbegabten und einfach gestrickten Menschen.(mmw)